«Religion war bei uns verboten»

Tritt sein neues Amt am 1. Juli an: Der neu gewählte Pfarrer Alexander Kuzmitski. Irene Hung-König
Tritt sein neues Amt am 1. Juli an: Der neu gewählte Pfarrer Alexander Kuzmitski. Irene Hung-König

Pfarrer Alexander Kuzmitski ist am Palmsonntag zum Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Spreitenbach-Killwangen gewählt worden. Er erzählt, was ihm wichtig ist.

Vor voller Kirche durfte er auch gleich eine Predigt halten und sich vorstellen. «Es war Palmsonntag, das ist ein besonderer Feiertag im Kirchenjahr. Nach dem Gottesdienst gab es einen Apéro in der Kirche, wo die Bevölkerung mit mir in Kontakt treten konnte.» Im Vorfeld waren die meisten Fragen durch die Pfarrwahlkommission im Namen der Gemeinde geklärt worden. Wenn es Fragen gab, dann hätten die Leute diese zuvor mit der Pfarrwahlkommission geklärt. «Nach meiner Vorstellung am Wahltag wurden mir keine Fragen mehr gestellt», sagt er. Für die Wahl musste der Theologe in den Ausstand treten und als diese vorüber war, wurde er mit Applaus wieder empfangen. «Es ist ein schönes Gefühl, wenn Menschen hinter dir stehen – aber es verpflichtet, dass man für diese Menschen da ist», erklärt er.

Umzug ins Kirchgemeindehaus

Alexander Kuzmitski tritt seine Stelle auf den 1. Juli an. Er wurde für die Amtsperiode 2027 bis 2030 gewählt. Der Familienvater wird mit seiner Frau Anja und den beiden Töchtern – 4 Jahre und 10 Monate alt – später im Kirchgemeindehaus wohnen, wenn dieses saniert ist. Aktuell sind dort noch Flüchtlinge aus der Ukraine untergebracht.

Momentan ist der 39-Jährige im Pfarrteam der Reformierten Kirchgemeinde Niederhasli-Niederglatt angestellt. Seit drei Jahren ist er dort im Amt. Und warum folgt jetzt der Wechsel nach Spreitenbach? Der Theologe wurde durch die Kirchgemeinde angefragt. «Ich wollte im Einzelpfarramt arbeiten, also in eigener Verantwortung wirken und nah bei den Menschen sein.» Vorgänger Stefan Siegrist hatte auf Ende April 2025 gekündigt. Seitdem war die Kirchgemeinde ohne Pfarrer, auch die gesamte Kirchenpflege kündigte. So war man auf die Fusion mit der Kirchgemeinde Wettingen-Neuenhof angewiesen, doch diese scheiterte.

Für Alexander Kuzmitski ist klar, dass die Menschen Vertrauen in die Kirche haben müssen, damit sie kommen. «Es ist ein Prozess, im ersten Schritt ist es mir wichtig, die Menschen kennenzulernen. Ich hoffe auf tiefe Seelsorgergespräche und erhoffe mir Offenheit der Menschen. Dass sie erzählen, was sie beschäftigt, was ihre Ängste, Erwartungen und Sorgen sind. Ich spüre ein bisschen seelsorgerische Not. Ich nehme wahr, dass viele Menschen geistlich auf der Suche sind und sich nach Orientierung, Trost und Begleitung sehnen.»

Und wenn jemand ein tragisches Schicksal ereilt, kann man da abends abschalten? «Wenn möglich mache ich Trauergespräche nur vormittags.» Der Sinn sei aber: «Wir tragen das Leid mit.»

Die Kirche lebe durch die Beziehungen mit Menschen und die Aktivitäten. In einem zweiten Schritt müsse der pfarramtliche Betrieb ins Rollen gebracht werden, ehe er sich dann um konkrete Projekte kümmern kann und möchte.

Menschen strömen in die Kirchen

Pfarrer Alexander Kuzmitski kam vor elf Jahren in die Schweiz und stammt ursprünglich aus Weissrussland. Er wuchs katholisch auf, doch: «Bei uns in Weissrussland war Religion bis in die 90er-Jahre verboten. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war sie erlaubt. Schliesslich strömten und strömen die Menschen bis heute in die Kirchen. Es ist eine grosse Volksfrömmigkeit unter den orthodoxen und den katholischen Christen.»

Er machte nicht nur geografisch eine grosse Reise, sondern auch beruflich. Kuzmitski war zunächst Lehrer für Deutsch und Englisch. Im bayrischen Ingolstadt studierte er internationale Beziehungen und Volkswirtschaft. Schliesslich arbeitete er in der Nähe Wiens als Transportmanager. «Doch die Welt der Rendite ist nicht meine Welt», sagt er. So entschloss er sich, seinem Wunsch zu folgen und in Zürich Theologie zu studieren. Hierfür musste er zunächst zur reformierten Kirche konvertieren. «Ich wusste vom ersten Tag an, da bin ich richtig. Das Ganze war sehr menschlich und ich fühlte mich sehr unterstützt.» Während des Praktikumsjahrs, des Vikariats, wurde er schliesslich auf das Pfarramt gut vorbereitet.

Man kenne Spreitenbach durch das Shopping-Center und die Menschen mit Migrationshintergrund, «ich bin auch so einer». Aufgrund der eigenen Lebensgeschichte und Migrationserfahrung habe er einen leichten Zugang zu Menschen mit einem unterschiedlichen kulturellen Hintergrund. Man müsse auch schauen, welches Potenzial vorhanden sei. «Mir imponiert das Modell der gabenorientierten Gemeindeentwicklung. Wir schauen, welches sind die Gaben, Leidenschaften und Interessen der Menschen. Im Konfirmationsunterricht sage ich immer, dass jemand mindestens eine Gabe habe. In der Kirche schafft man die Rahmenbedingungen, damit die Menschen ihre Gaben ausleben können.»

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