Deutsch sprechen hilft bei der Integration

Die Sprache als Türöffner: Deutschkurse helfen beim Einstieg in Arbeit und Alltag – doch das Verstehen des schweizerdeutschen Dialekts bleibt eine Hürde.
Neun Frauen sitzen am Dienstagmorgen im Quartierzentrum Langäcker in einem Zimmer im Untergeschoss. «Ist bekommen ein trennbares Verb?», fragt Regina Gregori. Sie unterrichtet im Auftrag von «machbar» Deutsch für Fremdsprachige. Das Unternehmen setzt sich seit über 20 Jahren mit Bildungsangeboten für die Integration fremdsprachiger Menschen ein. Nicht nur, was die sprachliche, sondern auch die soziale und berufliche Integration betrifft.
Mit der sogenannten Integrationsagenda Schweiz haben Bund und Kantone vor sieben Jahren Massnahmen definiert, um Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Personen rascher in die Arbeitswelt und die Gesellschaft zu integrieren. So soll ihre Abhängigkeit von der Sozialhilfe reduziert werden (siehe Box).
Deutsch für die Integration
Möglichst schnell eine der Landessprachen zu lernen, gilt als eine der wichtigsten Massnahmen, um sich zu integrieren. Es gibt deshalb verschiedene Deutschkurse. «Man versucht, ein passendes Angebot zu wählen. In Spreitenbach leben beispielsweise zwei sehbehinderte Personen, die einen Deutschkurs für Blinde besuchen», sagt Anja Köchli vom Spreitenbacher Sozialdienst.
Zurzeit leben in der Gemeinde knapp 90 Asylsuchende. Davon erhalten 54 Personen Asylsozialhilfe. Die restlichen 36 Personen sind wirtschaftlich selbstständig und benötigen keine finanzielle Hilfe. 3 weitere Personen werden als Flüchtlinge in der ordentlichen Sozialhilfe unterstützt, da diese den B-Ausländerausweis besitzen. Abgesehen von den Kindern und Jugendlichen, die in der Schule Deutsch lernen, und den Pensionären, besuchen derzeit die meisten dieser Personen einen Deutschkurs oder die Kantonale Schule für Berufsbildung (KSB) als Vorbereitung für das Berufsleben.
Unterbruch nach Kinderpause
Auch den neun Frauen in Spreitenbach ist bewusst, dass die Jobaussichten steigen, wenn sie sich in Deutsch verständigen können. «Das Lesen, Schreiben und Sprechen ist nicht das Problem, sondern die Leute zu verstehen», sagt eine der Frauen. «Vor allem, wenn sie Schweizerdeutsch sprechen», fügt eine andere an. Eine Dritte erzählt, dass sie zuerst in Sion gelebt und Französisch gelernt hat, bevor sie nach Spreitenbach kam und nun hier den Deutschkurs besucht.
Zwischen 4 und 20 Jahren leben die Ausländerinnen in der Schweiz. Sie stammen aus Nordmazedonien, Kolumbien, Thailand, Sri Lanka, Afghanistan, dem Kosovo, der Ukraine und der Türkei. Die meisten von ihnen haben Kinder. «Die Geburt meiner Tochter war der Grund, warum ich den Deutschkurs für einige Jahre unterbrochen habe», erzählt eine der Mütter. Viele von ihnen haben keine Verwandten in der Schweiz und sind auf ein Betreuungsangebot angewiesen. Deshalb bietet man in Spreitenbach gleichzeitig eine Kinderbetreuung an. «Ich habe vor vier Jahren auch einen Deutschkurs besucht und ihn auf Niveau B1 abgeschlossen», sagt Aleksandra Trenchovska, die in einem Raum im Untergeschoss vier Kinder von Müttern betreut, die gerade bei Gregori Deutsch lernen.
Flucht aus der Heimat
«Die deutschen Sprachkenntnisse sind sehr unterschiedlich. Es ist nicht einfach, ihnen allen gerecht zu werden», sagt die Erwachsenenbildnerin. Seit sieben Jahren unterrichtet sie, zurzeit in Wettingen und Spreitenbach. «Ich habe dabei selbst viel gelernt.» Durch ihre Arbeit will sie diese Menschen ermutigen, sich für die Schweizer Kultur und Lebensgewohnheiten zu interessieren und am Alltag teilzunehmen. «Die Sprache ist der Schlüssel, der die Tür dazu öffnet.»
Regina Gregori weiss, dass die Gründe, die diese Menschen in die Schweiz geführt hat, unterschiedlich sind. Bei Khalida Wahidi waren es die Lebensumstände in ihrem Heimatland Afghanistan, die sie zur Flucht bewogen haben. Vor 5 Jahren folgte die 26-Jährige ihrem Mann in die Schweiz. Die Menschenrechtslage sei seit der Machtübernahme der Taliban insbesondere für Frauen immer schwieriger.
Ganz anders bei Wiphalai Sing-At. Sie hat sich in einen Deutschen verliebt, der in der Schweiz arbeitet und lebt. Bereits vor ihrem Wegzug aus ihrem Heimatland lernte sie Deutsch. «Das ist gar nicht so einfach. Ich musste auch das Alphabet neu lernen», sagt die 41-Jährige. Sie ist eine der Frauen, die für die Kurskosten selber aufkommen. Denn nicht alle der Frauen sind durch eine staatliche Integrationsmassnahme zum Deutschkurs gekommen. Trotzdem – das Ziel bleibt dasselbe: Sie wollen Deutsch lernen. Und dabei werden sie von Regina Gregori unterstützt, die sich über die richtige Antwort freut: «Ja, genau. Bekommen ist kein trennbares Verb. Nur die Verben mit auf, ab, mit ein und aus als Zusatz gehören dazu.»
Das sind Ziele der Integrationsagenda
• Persönliche Erstinformation: Damit sich Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene rasch zurechtfinden, werden sie persönlich informiert – über Gepflogenheiten, Regeln und Unterstützungsangebote.
• Potenziale erkennen und nutzen: Dank einer systematischen Potenzialabklärung wird jede Person so gefördert, dass es ihr, der Wirtschaft und der Gesellschaft am meisten bringt.
• Möglichst rasch die Sprache lernen: Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene besuchen schon kurz nach ihrer Ankunft Sprachkurse. So lernen sie rasch eine der Landessprachen.
• Gezielt begleiten und unterstützen: Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene werden von der Einreise bis zu ihrer Integration durchgehend von Fachleuten begleitet und betreut.
• Konsequent fördern und fordern: Jugendliche Flüchtlinge werden auf eine nachobligatorische Ausbildung vorbereitet. Arbeitsfähige Erwachsene eignen sich das Know-how für den Einstieg ins Arbeitsleben an (z. B. über Qualifizierungsprogramme oder Arbeitseinsätze).
• Vertraut machen mit den Lebensgewohnheiten in der Schweiz: Der Austausch mit der einheimischen Bevölkerung wird aktiv unterstützt. Quelle: Staatssekretariat für Migration (SEM)


