Zuerst Heimweh dann Freude an Geburt des «Kälblis»

Zum vierten Mal absolvieren Realschüler einen Landdienst. «Wenn sie durchbeissen, gewinnen sie Selbstvertrauen, werden offener und lernen, sich in einem fremden Umfeld zurechtzufinden», sagt Lehrer Reto Geissmann.

Im Stall: Lehrpersonen Reto Geissmann (l.) und Géraldine Eliasson (2. v. r.) sowie Bäuerin Doris Willi und Schüler Okan. Foto: bär
Im Stall: Lehrpersonen Reto Geissmann (l.) und Géraldine Eliasson (2. v. r.) sowie Bäuerin Doris Willi und Schüler Okan. Foto: bär

«Das ist das neugeborene Kälbchen», sagt Okan Yilmaz zu seinem Klassenlehrer Reto Geissmann, zeigt auf ein Tier und holt einen Schoppen. Kurz darauf saugt das Jungtier an der Flasche und der Jugendliche strahlt.

Als Realschullehrer Geissmann eine Woche vorher auf den Hof der Familie Willi kam, bot sich ihm ein ganz anderes Bild. Der 14-Jährige hatte starkes Heimweh, lag herum und ass kaum etwas. «Ich fand es anstrengend, hatte keine Lust auf den Landdienst und wollte wieder nach Hause.» Seine Eltern unterstützten den Wunsch ihres Sohnes und wollten ihn heimholen. Auch Bäuerin Doris Willi war verunsichert, hatte sie doch schon einmal schlechte Erfahrungen mit einem Jugendlichen im Landdienst gemacht. Schlussendlich konnte Geissmann aber alle überzeugen, dem Jugendlichen noch zwei Tage Zeit zu geben. «Er kann sehr, sehr gut argumentieren und hat mich ermutigt, dass ich es schaffe – ohne ihn hätte ich aufgegeben», schmunzelt Okan eine Woche später. Er raffte sich auf, ass wieder und änderte seine Einstellung. Während er sich am Anfang vor dem Misten ekelte, mache es ihm mittlerweile nichts mehr aus und er helfe überall mit. «Sogar beim Kartoffelnaussortieren, obwohl ich das nicht gerne mache.»

Okan war nicht der einzige, der Mühe hatte, sich auf dem Bauernhof einzuleben. Fast ein Drittel der Jugendlichen wollten in den ersten zwei Tagen den Landdienst abbrechen. «Manche Jugendlichen waren noch nie weg von der Familie, für sie tut sich eine neue Welt auf», erzählt Geissmann. Ein Jugendlicher wurde in Begleitung von zehn Familienmitgliedern auf den Bauernhof gebracht. Die Eltern eines anderen Schülers standen nach zwei Tagen abends um zehn auf dem Hof, um ihr Kind wieder abzuholen. «Ich konnte die Eltern überzeugen, dass sie dem Kind nur kurzfristig helfen, wenn sie es heimholen», so Geissmann. Die beiden Klassenlehrpersonen waren in den ersten Tagen mehr oder weniger rund um die Uhr am Motivieren, Überzeugen und Schlichten. «Das sind die anstrengendsten Wochen des ganzen Schuljahres», sagt Geissmann.

Warum liegt ihm so viel am Landdienst, dass er diesen Aufwand in Kauf nimmt? «Wenn die Schüler es schaffen, ihre eigene Wohlfühlzone und Grenze zu überwinden, sich in einem fremden Umfeld zurechtzufinden und ihre negativen Gefühle überwinden, dann machen sie einen enormen Entwicklungssprung und gewinnen viel Selbstvertrauen.» Das sei die beste Vorbereitung für die Lehrstellensuche, ist der Lehrer überzeugt.

Auch die würenloser Bäuerin Doris Willi ist froh, dass der Landdienst diesmal geglückt ist. «Für uns war der Austausch interessant, ich bin mir manchmal gar nicht bewusst, welche unterschiedlichen Lebensweisen es gibt», resümiert sie. Sie habe in Okans Welt gesehen und er Einblick in die Landwirtschaft erhalten. Nach Anfangsschwierigkeiten gefällt Okan diese Welt mittlerweile ganz gut. Er hat dem Kälbchen den Namen «Okan junior» gegeben und will es in den Herbstferien besuchen kommen.

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