«Bei der Spitex ist jeder Tag anders»

Sandra Steinmann absolvierte als erste angehende Pflegefachfrau im Bachelor-Studium ein Praktikum bei einer Aargauer Spitex. Wie ihre Arbeit bei der Spitex Wettingen-Neuenhof aussah und was für ein Fazit sie nach 16 Wochen zieht, erzählte sie der Limmatwelle.

Sandra Steinmann mit Bereichsleiter Bildung Simon Michel.Sibylle Egloff
Sandra Steinmann mit Bereichsleiter Bildung Simon Michel.Sibylle Egloff

«Die Menschen in ihren eigenen vier Wänden im privaten Umfeld zu pflegen, war viel eindrücklicher, emotionaler und intensiver als die Arbeit in einem sterilen, stationären Setting im Spital», sagt Sandra Steinmann rückblickend zu ihrem 16-wöchigen Praktikum bei der Spitex Wettingen-Neuenhof. Für die 24-Jährige wie auch für den regionalen Pflegedienst war es eine Premiere. Steinmann ist die erste angehende Pflegefachfrau im Bachelor-Studium an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), die in einer Aargauer Spitex ihr Praktikum absolvierte.

Die viermonatige praktische Ausbildung ging an Auffahrt zu Ende. Steinmann zieht eine positive Bilanz. «Ich habe es geschätzt, so viele Klienten täglich zu treffen und immer wieder neue Leute kennen zu lernen. Es war sehr abwechslungsreich. Auf einer Station im Spital behandelt man etwa 20 Personen für eine bestimmte Zeit. Man kriegt schneller eine Routine. Bei der Spitex ist jeder Tag anders», findet Steinmann, die zuvor ein 12-wöchiges Praktikum in der psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich bewältigte.

Vergleichbar seien die beiden Institutionen nicht, so die Studentin. «Die Spitex wird unterschätzt. Es geht nicht nur darum, Seniorinnen und Senioren Stützstrümpfe anzuziehen und die Medikamente zu richten.» Steinmann denkt etwa an den Anschluss von Personen an Dialysegeräte oder das Legen von Zugängen für Chemotherapien oder künstliche Ernährung. Spezialisiert ist die Spitex Wettingen-Neuenhof zudem auf Palliativ-Care, Wundmanagement und Psychiatrie.

Die Dankbarkeit ist spürbar

Schön fand die Praktikantin aus Wohlen auch, dass sie von den Klienten und ihren Angehörigen zu Hause offen und herzlich empfangen wurde. «Vielen ist bewusst, dass sie ohne die Hilfe der Spitex nicht mehr in den eigenen vier Wänden wohnen könnten und in einem Heim leben müssten. Diese Dankbarkeit ist spürbar», sagt Steinmann. Sie musste sich anfangs daran gewöhnen, ständig fremde Häuser zu betreten. «Jeder Haushalt ist anders und ich musste mich immer wieder auf ein anderes Umfeld und neue Begebenheit einlassen.»

Steinmann empfindet die Arbeit der Spitex nicht als klassische Pflege. «Man bietet emotionalen Support. Für gewisse Personen sind wir der einzige Kontakt zur Aussenwelt innert 24 Stunden. Viele sind allein und verspüren eine starke Einsamkeit.» Für Steinmann ist daher klar: «Es ist wichtig, dass die Spitex jeden Tag vorbeikommt und sich Zeit für die Klientinnen und Klienten nimmt, auch wenn es nur zehn Minuten sind.»

Aufgefallen ist der angehenden Pflegefachfrau, dass man bei der Spitex mehr organisieren muss als im Spital. «Vorausdenken ist ein grosses Thema. Wenn ich am Tag 15 Klienten besuche, muss ich mich vorbereiten und alles dabei haben.» Auch wenn sie es genossen habe, alleine unterwegs zu sein, hätten ihr besonders die Teamarbeit im Büro und das Administrative zugesagt.

 

Sie konnte sich administrativ einbringen

«Für mich war es toll, an beiden Fronten zu arbeiten, bei den Klienten am Bett und an den Prozessen», so Steinmann. Sie schrieb und überarbeitete Konzepte, verfasste kleine Projektarbeiten und liess ihr akademisches Wissen einfliessen. «Das wäre in einem Unispital oder einer grossen Institution nicht möglich gewesen. Ich bin dankbar, dass man mir das Vertrauen schenkte, mich einzubringen.» Denn Steinmann ist sich bewusst: «Es ist gut, den eigenen Prozess zu definieren und zu entwickeln, statt sich nur als Ausführende daran zu halten. So kann man etwas verändern.»

Auch die Spitex Wettingen-Neuenhof zeigt sich zufrieden. «Es war ein sehr gelungenes Praktikum. Sandra war offen und flexibel. Das machte es für beide Seiten einfacher», sagt Simon Michel, Bereichsleiter Bildung der Spitex Wettingen-Neuenhof. Man habe gemeinsam im Prozess viel gelernt und wertvolle Rückmeldungen erhalten. Für Michel stand dabei weniger das Ergebnis am Ende der Praktikumszeit, sondern vielmehr das Erlebte während des Einsatzes im Fokus. «Zu Sandras Stärken gehört das Schreiben, daher haben wir sie mehr im Büro für administrative Tätigkeiten eingesetzt. Wir haben kein starres Konzept verfolgt, sondern versucht, sie für beide Seiten gewinnbringend einzusetzen», sagt Michel. Das sei die grösste Herausforderung seitens der Spitex gewesen. Und auch die Abgrenzung zu den anderen Studierenden, welche die Höhere Fachschule besuchen, sei anspruchsvoll gewesen.

Noch mehr Pflege zu Hause

Die Kooperation mit der ZHAW sieht Michel als essenziell für die Zukunft der Pflege. «Die Pflege zu Hause wird sicherlich zunehmen, womöglich wird die Diagnostik im Spital stattfinden und die Therapien werden zu Hause durchgeführt. Die Spitex wird mit ihrem grossen Know-how dabei eine bedeutende Rolle spielen.» Um dafür gewappnet zu sein, brauche es qualifizierte Fachleute, die Steuerungs- und Konzeptionsaufgaben leisten und die Qualität der pflegerischen Versorgung sichern und ausbauen.

Michel begrüsst daher, dass der Pflegeberuf durch die Akademisierung professionalisiert wird. «Diese Entwicklung konkurriert nicht mit dem herkömmlichen Pflegeberuf, im Gegenteil. Denn Pflegefachleute mit einem Fachhochschulabschluss tragen dazu bei, dem zunehmend komplexen Versorgungsbedarf gerecht zu werden. Zudem verleihen sie dem Berufsbild die Anerkennung als Profession.»

Michel ist der Ansicht, dass eine politische Aufwertung des Berufs von Nöten ist. «Ohne Professionalisierung fungieren Pflegfachpersonen weiterhin als Hilfskräfte. Um diesen Prozess zu unterstützen, schliessen wir neue Kooperationen und bilden die Studierenden im Praktikum aus und setzen sie kompetenzgerecht ein.» Das sei der Beitrag, der die Spitex Wettingen-Neuenhof hinsichtlich der Weiterentwicklung des Pflegeberufs leistet, so Michel. Im Juni startet bereits die zweite Bachelor-Studentin ihr Praktikum.

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