Die glückliche 90-Jährige

Györgyi Holzer hat am Montag ihren 90. Geburtstag gefeiert und sagt: «Ich hatte Glück im Leben.»

Györgyi Holzer an ihrem Geburtstag in ihrer Wohnung in Neuenhof. Melanie Bär
Györgyi Holzer an ihrem Geburtstag in ihrer Wohnung in Neuenhof. Melanie Bär

Das Telefon ist bei Györgyi Holzer am Montagmorgen dauerbesetzt, am Nachmittag erwartet sie Besuch. Trotzdem nimmt sie sich an ihrem Geburtstag Zeit, um ein Interview zu geben und zurückzublicken. Sie hatte Glück im Leben, sagt die sympathische Rentnerin und doppelt nach: «Ich hatte es sehr, sehr schön.»

Wegen des Ungarn-Aufstands ist Györgyi Holzer mit 27 Jahren aus ihrer Heimat Ungarn geflüchtet. Zusammen mit drei anderen Frauen, eingeschlossen in einem Wagen. Nach einem Stopp in Wien endete die Flucht am 1. März 1957 in Bern. Bei einer Familie fand sie Unterschlupf. «Ich wurde sehr gut aufgenommen und habe heute noch Kontakt zu dieser Familie.» Einzig die Sprache habe ihr Mühe bereitet, sagt sie in fehlerfreiem Hochdeutsch und fügt an: «Berndeutsch habe ich nie gelernt.» Sie heiratete einen Schweizer und arbeitete bis zu ihrer Pension in der Buchhaltung einer Bank in Bern. «Gezählt habe ich bis am Schluss in Ungarisch, so wie ich es als Kind in der Schule gelernt habe.»

Auf Empfehlung einer Bekannten zog sie aus finanziellen Überlegungen vor 17 Jahren nach Neuenhof. Ohne ihren Mann, der vor mehr als 40 Jahren starb. Nun wohnt sie alleine in einer Wohnung im Zentrum. Den Haushalt bewältigt sie selber und hofft, dass das noch lange so bleibt. «Meine Sachen selber zu erledigen und selbstbestimmt zu leben, ist mir wichtig», sagt sie.

Einmal wöchentlich bekommt sie Besuch von der Spitex. Sie höre nur noch schlecht, das Bein schmerze und auch die Sehkraft lasse nach. So sei es halt im Alter, man baue ab, fügt sie ohne Verbitterung an. Deshalb besucht sie nicht mehr so oft wie früher ein Konzert, sondern sei viel daheim und lese oder schaue fern.

Hat die Jubilarin einen Wunsch? «Nein, nein», winkt sie ab und fügt ein bisschen später hinzu: «Ab und zu mit netten Leuten ein bisschen plaudern und dass die Welt besser wird.» Sie bedauere die jungen Leute, die in einer unsicheren Zeit aufwachsen müssen. «Ich wurde von meinem Arbeitgeber wertgeschätzt und wusste, dass ich auch am nächsten Morgen noch Arbeit habe.» Heute sei das anders und das tue ihr weh für all die jungen Leute.

Es klingelt an der Haustüre. Ein kleiner Junge steht mit einem Bund roter Rosen vor dem Eingang. Es ist der Nachbarsbub, der Györgyi Holzer gratuliert. Sie ist gerührt, bedankt sich und freut sich über ihr erneutes Glück.

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