Ein zweites Leben für Toaster, Plattenspieler und Co.
In der Flickstatt hauchen Freiwillige kaputten Alltagsgegenständen neues Leben ein – und schaffen dabei einen besonderen Begegnungsort. Ein Besuch beim Reparaturcafé in der Bäderstadt.
Eine steile Treppe führt hinauf in den warm beleuchteten Raum am Hahnrainweg, gleich hinter dem Bahnhof Baden. Leise Musik läuft im Hintergrund – in der Ecke steht ein Flipperkasten aus dem Jahr 1964, alte Uhren hängen an der Wand, auf einem Gestell thront eine Modelleisenbahn. Im hinteren Teil des Raums sind die freiwilligen Helfer konzentriert bei der Arbeit. Auf ihren schwarzen T-Shirts prangt in gelben Buchstaben der Satz: «Kaufst du noch? Oder reparierst du schon?»
Einer von ihnen ist Heinz Steffen. Der 59-Jährige engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich in der Flickstatt – mit spürbarer Begeisterung: «Für mich ist das hier ein zweites Wohnzimmer geworden», sagt der ausgebildete Wirtschaftsinformatiker. Tatsächlich erinnert die Atmosphäre nur bedingt an eine klassische Werkstatt, vielmehr ist es ein Begegnungsort. Immer wieder kommen Menschen herein, holen reparierte Geräte ab oder bringen Dinge vorbei, die nicht mehr funktionieren. Man begrüsst sich, tauscht ein paar Worte aus, trinkt gemeinsam einen Kaffee.
Ehrenamtliche Arbeit
Die Idee für die Flickstatt stammt ursprünglich von Hans Heim. Die Stadt Baden suchte nach Projekten, die Nachhaltigkeit fördern – und das Konzept eines Reparaturcafés überzeugte. Die Flickstatt wurde 2019 mit dem mit 3000 Franken dotierten Umweltpreis ausgezeichnet. Seither hat sich das Projekt stetig weiterentwickelt: Rund 10000 Haushaltsgeräte, Lampen, Stereoanlagen, Spielzeuge und andere Alltagsgegenstände wurden hier bereits repariert, mehr als 35000 Stunden Freiwilligenarbeit kamen dabei zusammen. Dafür stehen mittlerweile zwölf engagierte Reparateurinnen und Reparateure bis zu dreimal pro Woche im Einsatz – ehrenamtlich, versteht sich, denn die Werkstatt ist als Verein organisiert. Wer etwas flicken lassen möchte, benötigt lediglich eine Passivmitgliedschaft, die gerade einmal zehn Franken pro Jahr kostet. Die Reparaturen selbst sind kostenlos, nur für Material wird eine kleine Entschädigung verlangt. «Natürlich haben wir auch ein Trinkgeldkässeli», erklärt Steffen, «das reicht, um unsere Getränke zu finanzieren – und dreimal pro Woche gibt es ein gemeinsames Abendessen.»
Problem der geplanten Obsoleszenz
Mittlerweile herrscht reges Kommen und Gehen, ein Kind vertreibt sich die Wartezeit am Flipperkasten, während am Tisch nebenan an einem Kärcher hantiert wird. Dauert eine Reparatur nur wenige Minuten, wird sie direkt vor Ort erledigt: «Wir haben ein gutes Auge dafür entwickelt», sagt Steffen schmunzelnd. Besonders häufig landen Stereoanlagen, Plattenspieler oder Mini-Disc-Player auf den Werkbänken. «Am liebsten mögen wir alte Dinge, diese haben Charakter und sind oft einfacher zu reparieren.» Moderne Geräte hingegen stellen die freiwilligen Helfer immer öfter vor Herausforderungen. «Der Anteil an Elektronik hat zugenommen», erklärt Steffen, «aber zum Glück haben wir einige Spezialisten im Team – wir lernen viel voneinander und helfen uns gegenseitig.» Auch Akkus seien zunehmend ein Problem, weil sie oft fest verbaut seien. Dafür habe man aber inzwischen die nötige Infrastruktur aufgebaut.
Hoffnung setzt Steffen dabei in politische Entwicklungen wie das «Recht auf Reparatur» der EU. Dieses soll Hersteller verpflichten, Ersatzteile und Reparaturanleitungen zugänglich zu machen. Auch sogenannte geplante Obsoleszenz beschäftigt das Team immer wieder. Damit ist die absichtliche Verkürzung der Lebensdauer von Produkten gemeint – etwa durch minderwertige Bauteile. «Teilweise sehen wir Sachen, die qualitativ grenzwertig sind.» Drucker etwa nehmen sie mittlerweile nicht mehr an. Früher hätten sie diese noch repariert, doch die Kunden seien drei Monate später wieder bei ihnen gestanden – das lohne sich nicht: «Wir wollen unsere Energie in Reparaturen investieren, die nachhaltig sind.» Auch moderne Flachbildfernseher und andere grosse Objekte seien problematisch: «Uns fehlt der Platz», sagt Steffen und deutet auf die bereits vollgestellten Regale im hinteren Bereich der Werkstatt. Kurz vor Neujahr habe man deswegen gar einen Annahmestopp verhängen müssen.
Goldmünze und explodierende Uhren
Manchmal bringt die Arbeit in der Flickstatt auch Überraschungen mit sich. So explodierte beim Öffnen einer Uhr plötzlich das gesamte Innenleben. «Die Zahnräder spickten in alle Richtungen», erinnert sich Steffen lachend. «Da sassen wir einige Stunden dran, bis wir das wieder zusammengesetzt hatten.» Und kürzlich brachte ein Kunde eine japanische Musikschatulle vorbei, die er einst in Neuseeland gekauft hatte. Sie spielte keinen Ton mehr. «Als wir sie auseinanderschraubten, staunten wir nicht schlecht», erzählt Steffen. «Darin lag eine englische Goldmünze.» Genauer gesagt ein «King George V Gold Sovereign» aus dem Jahr 1914 – Wert: knapp 1000 Franken. «Bei der Übergabe freute sich unser Kunde natürlich gleich doppelt», sagt er schmunzelnd. Doch nicht nur solche Zufallsfunde bleiben in Erinnerung, oft seien es die Reaktionen der Menschen, die das Team besonders berühren. Viele der reparierten Gegenstände hätten vor allem einen emotionalen Wert: «Wir hatten schon Kunden, die sich unter Freudentränen bedankt haben», erzählt Steffen. «Das gibt einem schon auch etwas zurück.» Die Flickstatt zeigt damit eindrücklich, dass Reparieren weit mehr sein kann als blosses Handwerk. Es geht um Nachhaltigkeit, um Gemeinschaft – und manchmal auch um ein kleines Stück Glück.
Die Flickstatt am Hahnrainweg 13 in Baden ist jeweils Samstags von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Weitere Informationen unter www.flickstatt13.ch.






