Unter uns

«Es macht mich wütend, dass wir heute noch darüber sprechen. Diese Frage würden Sie einem Mann nie stellen», antwortete die SVP-Bundesratskandidatin Céline Amaudruz auf die Frage, wie sich das politische Amt mit ihrer Rolle als Mutter zweier kleiner Kinder vereinbaren lasse. Ich verstehe ihre Empörung. Dass man als beruflich engagierte Mutter immer wieder infrage gestellt wird, erlebe ich selbst zur Genüge. Erst letzthin wurde ich gefragt, wieso ich überhaupt Kinder habe, als ich in dieser Kolumne die schwierige Ferienbetreuungssituation für berufstätige Eltern thematisierte.
Beim Lesen der Reaktionen kam mir oft der Satz «Einem Mann würde man das nicht schreiben» in den Sinn. Vor meiner Zeit als Mutter war ich naiverweise der Meinung, dass Gleichstellung in der Schweiz praktisch Realität ist. Doch seit der Geburt meiner Kinder weiss ich, dass das ein Märchen ist. Die Erwartungen an Vater und Mutter könnten unterschiedlicher nicht sein. Wenn er 80 Prozent arbeitet und am Papitag die Kinder hütet, wird er gefeiert. Umgekehrt wird sie dafür kritisiert. Oder es ist einfach normal.
Man kann sicher sein, hätte man sich stattdessen für das Modell Hausfrau entschieden, wäre es vielen ebenfalls nicht genehm. Dass Paare nicht nur Vollzeit arbeiten wollen, sondern auch müssen, sollte angesichts der stetig steigenden Kosten einleuchten. Sollten wir ihnen nicht etwas mehr Respekt entgegenbringen? Schliesslich finanzieren sie die AHV-Beiträge vieler ihrer Kritiker mit. Zurück zur möglichen Nachfolgerin von Guy Parmelin: Ich finde es toll, dass auch eine SVP-Frau die Nase voll hat von der gesellschaftlichen Hetze gegen Mütter. Und das, obwohl ihre Partei das traditionelle Familienmodell noch immer hochhält. Ich würde die Wahl von Céline Amaudruz begrüssen. Es wäre ein positives Zeichen für viele berufstätige Mütter mit kleinen Kindern.
Feedback ansibylle.egloff@chmedia.ch


