«Das Letzte Wort»
Ich fühle mich nicht alt. Okay, wenn morgens beim Aufstehen die Knochen knacken oder ich abends schon um kurz nach 9 Uhr auf dem Sofa einschlafe, dann vielleicht ein bisschen. Aber sonst werden mir meine Jahre erst durch Begegnungen bewusst. So kürzlich bei einem Abendessen mit Bekannten. Gesprächsthema: Politische Entwicklungen in Deutschland sind ortsabhängig. Für mich völlig logisch. Ich erinnere mich sofort an die ersten Bilder aus der DDR, die nach dem Fall der Berliner Mauer über die TV-Bildschirme flimmerten. Überhaupt der Mauerfall – an jenem Morgen war es kalt. Ich hatte beide Hände zum Wärmen um die Kaffeetasse gelegt, während meine Mutter und ich Nachrichten schauten. Die Emotionen. Lachende und weinende Gesichter. Soldaten, die danebenstanden und in ihren Uniformen ziemlich verloren wirkten. Unsere Gastgeber machten grosse Augen. Sie waren 1989 noch gar nicht geboren. Jetzt hätte ich rhetorisch weit ausholen können. Aber das liess ich. Stattdessen fragte ich nach ihren Beobachtungen, ihrer Meinung zur Gegenwart. Ich lernte dabei und habe gleichzeitig meine Erinnerungen genossen.
In sieben Wochen feiert Spreitenbach seinen 900. Geburtstag. Ich teile immerhin 40 Jahre meiner Geschichte mit dem Ort. Gebäude, in deren Umgebung ich aufgewachsen bin, sind mittlerweile abgerissen. Stattdessen sind neue Quartiere entstanden. Ich könnte meiner Vergangenheit, meiner Jugend nachtrauern. Stattdessen freue ich mich auf Begegnungen. Ich bin neugierig auf all die Menschen, die vielleicht ihre Erinnerungen mit mir teilen. Keiner von uns braucht sich alt zu fühlen, solange wir das Miteinander lebhaft gestalten.
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