«Das letzte Wort»

Melanie Bär, Redaktionsleiterin

«Wo sind sie jetzt?», fragt das Mädchen, das auf dem Heimflug von Madeira in die Schweiz vor mir im Flugzeug sitzt. Ihre Mutter erklärt, dass ihre Verwandten dorthin ausgewandert sind. Das Kind beginnt zu weinen. «Wir können sie im Sommer wieder besuchen gehen», tröstet die Mutter und fügt an: «Du weisst doch, s Mami geht morgen wieder arbeiten und du in den Kindergarten.»

Ich verstehe das Mädchen. Mir fallen Übergänge, Abschiede und Momente des Loslassens auch nicht einfach. Wie die Mutter, tröste ich mich mit dem Gedanken, was mich am Ziel erwartet.

Doch was, wenn dort kein Kindergarten-Gspänli, kein vertrautes Daheim, keine Familie wartet, sondern fremde Menschen, eine unsichere Zukunft, eine unbekannte Welt. Wie geht es den Kindern, die in einer Asylunterkunft darauf warten, wie ihr Leben «weitergeht»?

Das wollte Wissenschaftlerin Clara Bombach herausfinden und hat für eine Studie ihrer Doktorarbeit 44 Kinder regelmässig in einer Asylunterkunft besucht (Artikel S. 15). Die jungen Menschen, die ihre Kindheit in der «Ungewissheit», «einem Wartezimmer, ohne planbare Zukunft», an einem «Nicht-Ort» verbringen, fühlten sich ausgeschlossen, isoliert von der Aussenwelt. In den Worten der 15-jährigen Ayden ausgedrückt: «Da draussen ist die Schweiz.» Bombachs Empfehlung: Begegnungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten «da draussen» schaffen, statt Ausschluss und Isolation.

Nach dem Tag der offenen Tür am 20. April werden im zur kantonalen Asylunterkunft umfunktionierten ehemaligen Altersheim in Wettingen Kinder und Familien einziehen. Ich hoffe, dass die Bevölkerung bedenkt, dass diese Kinder unverschuldet, unfreiwillig hier sind. Dass sie versucht, ihnen mit den Augen dieser Kinder zu begegnen, Begegnungen überhaupt zulässt und ihnen so den Übergang in die fremde Welt erleichtert. Feedback an:

melanie.baer@chmedia.ch

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