«Das Letzte Wort»

Graziella Jämsä, freie Mitarbeiterin Limmatwelle

Mein Mann hat mich zum Einkaufen geschickt. Ich soll in einem Elektronikfachgeschäft LED-Leuchtmittel erstehen. «Einfach die Angaben von meinem Zettel mit den Verkaufsetiketten vergleichen.» Ich fühle mich wie das lebendige Klischee der technisch unwissenden Frau. Obwohl eine Mitarbeiterin am Service-Tresen steht, schaue ich mich weiter selbst um. Ein Verkäufer und ein Pärchen stehen vor einer Wand mit Kameras, die ich nur aus Fernsehkrimis kenne. Ein paar Meter daneben versucht eine junge Frau immer wieder, Augenkontakt zwischen sich und dem offensichtlichen Fachmann herzustellen. Vergeblich. Stattdessen ist die Mitarbeiterin vom Service-Tresen zu ihr getreten. «Kann ich Ihnen etwas zeigen?» Die Kundin schüttelt fast erschrocken den Kopf. «Nein, nein, ich seh mich nur um.» «Melden Sie sich einfach, ich bin gerne für Sie da.»

Die Frau bleibt in der Nähe der Showwand stehen. Als das Pärchen sich verabschiedet, stellt sie sich dem Verkäufer geradezu in den Weg. «Ich muss wissen, was nachts in meinem Garten abgeht. Ich brauche Geräte, die ich einbauen und von überallher bedienen kann.» Ich war verblüfft. Dass sie selbst eine Lösung installieren wollte, fand ich cool. Aber warum hatte sie die Unterstützung der Mitarbeiterin ausgeschlagen? Traute sie deren Wissen nicht? Dem des Mannes offensichtlich schon. «Tanja, kommst du bitte mal. Hier geht es um dein Spezialgebiet ‹Videoüberwachung im Freien›.» Er machte eine verbindende Handbewegung zum Service-Tresen. «Darf ich Ihnen unsere Spezialistin empfehlen.» Ich schmunzelte. So schnell wird man mit den eigenen Denkgewohnheiten konfrontiert, die einer Gleichberechtigung im Wege stehen. Übrigens: Ich habe die Leuchtmittel tatsächlich gefunden – und das alles an einem Welttag der Frau, wie er morgen wieder gefeiert wird.Feedback an:

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