Vom Heim- zum Schulleiter

Nach 21 Jahren ist Schluss: Schulleiter Lukas Müller geht in Pension. Auch wenn er einige Herausforderungen zu meistern hatte, schätzte er den Kontakt mit den Menschen.

Drei Kinder spielen auf dem Spielplatz, zwei Frauen stehen schwatzend daneben. Ansonsten ist es leer auf dem Schulareal Mitte der zweiten Schulferienwoche. Einzig die Tür im Schulhaus Ländli 2 steht offen. Im Erdgeschoss sitzt dort im Büro der Schulleitung Lukas Müller an seinem Pult. Auf der Fensterbank hinter ihm liegen beigenweise farbige Mäppchen, am Boden leere Ordner und drei schwarze Kehrrichtsäcke. «Beim Aufräumen habe ich diesen Artikel gefunden», sagt er und zeigt auf einen Beitrag aus dem Jahre 2004. «Die zwei Kapitäne sind bestimmt», titelte die Aargauer Zeitung damals und stellte Claudia Stadelmann und ihn vor. «Würenlos war damals eine der letzten Gemeinden, die – nicht ganz freiwillig – die Schulleitung einführten», sagt der 63-Jährige. Es habe einigen Widerstand gegeben, vor allem von Lehrpersonen, die sich nicht damit anfreunden konnten, dass sie nun einen Vorgesetzten hatten. Viele der damaligen Schulleiter blieben deshalb nur ein, zwei Jahre.

Nicht so in Würenlos. Stadelmann blieb 15 Jahre und Müller geht nach 21 Jahren Ende Juli in Pension. Das anfängliche Durchbeissen habe sich gelohnt: «Wir waren ein Team, auch zusammen mit der Gemeinde.» Als Gesamtschulleiter wurde er Abteilungsleiter und bildete zusammen mit dem Gemeindeschreiber und den Leitern Finanzen, Bauverwaltung und Technische Betriebe die Geschäftsleitung der Gemeinde. «Wir konnten auch immer mitwirken bei Projekten, die uns betrafen, etwa beim Schulhausneubau.» Er habe das sehr geschätzt, rühmt er das System.

Vom Heim- zum Schulleiter

Im Artikel geht auch hervor, dass Müller vor seinem Stellenantritt in Würenlos zehn Jahre lang als Erzieher und pädagogischer Heimleiter einer Hochgebirgsklinik in Davos arbeitete. Nach seiner Pensionierung wieder ins Bündnerland zurückkehren will er nicht. «Ich bin in Untersiggenthal aufgewachsen und zufällig in Davos gelandet. Wir waren als Kind dort skifahren und ich kannte den Personalchef der Klinik. Als er einen Heimleiter suchte, sagte ich zu, ohne viel zu überlegen.»

Müller hatte zuvor im Sozialbereich in verschiedenen Heimen als Erzieher gearbeitet. «An der Schulleiterstelle in Würenlos reizte mich das Administrative, das liegt mir», sagt er. Genauso wichtig waren ihm die Begegnungen mit Kindern, Lehrpersonen, Behörden und Eltern. «Die Schülerinnen und Schüler ins Lager zu begleiten oder als Schule am Jugendfest mitzumachen, hat mir Energie gegeben.» Bewusst habe er sich in der Pause oder am Elternabend gezeigt.

Ich-Bezogenheit der Gesellschaft

Auch wenn er anders als im Heim nicht hauptsächlich mit Krankheit und Problemen konfrontiert war, gab es auch an der Schule Herausforderungen. «Ich stelle eine grundsätzliche Ich-Bezogenheit fest, die dazu führt, dass Eltern tendenziell nur ihr Kind sehen und dessen Handeln nicht hinterfragen.» Es werde sehr schnell eine emotionale Klapp- oder Mailnachricht geschrieben, bevor das Gespräch gesucht oder reflektiert wird. «Das macht die Konfliktbehandlung schwierig.» Müllers ruhige Art habe ihm bei Gesprächen mit Eltern und Schülern geholfen. «Und dass ich selber immer wieder relativiert habe; nur ein kleiner Prozentsatz der Schüler und Eltern war sehr anspruchsvoll, nicht alle sind schwierig oder schlecht erzogen.»

Eine weitere Herausforderung sei die Entlassung eines Lehrers gewesen, der von Schülern beobachtet wurde, wie er am Schulcomputer auf einer Datingplattform surfte. Es stellte sich heraus, dass er in Deutschland wegen ähnlicher Vorfälle bereits entlassen worden war. Die Schulleitung reagierte sofort, entliess ihn noch gleichentags, geriet aber dennoch unter Beschuss. Schlussendlich zieht er aber auch aus dieser Krise eine positive Bilanz: Er habe viel im Umgang mit Medien gelernt und der Ablauf bei Anstellungen sei optimiert worden. Nicht nur in Würenlos, sondern im ganzen Kanton. Heute werden bei Lehreranstellungen Privat- und Sonderregisterauszüge verlangt und Referenzen eingeholt. Trotz allem – als Schulleiter müsse man eine dicke Haut haben.

Freiheit ohne Pläne

Die sei ihm zunehmend abhandengekommen. «Ich konnte in den Ferien immer weniger gut abschalten, für mich war das ein Zeichen, mich frühzeitig pensionieren zu lassen.» Er schliesst zwar nicht aus, später nochmal eine kleine Aufgabe zu übernehmen, «aber sicher nicht an einer Schule». Vorerst aber freut er sich darauf, dass der Wecker ab August am Morgen nicht mehr klingelt und er keine Klapp- und Mailnachrichten beantworten muss.

Sorgen, dass es ihm fehlt, wenn sich das Schulareal nach den Ferien mit Leben füllt, hat er nicht. «Der Abschied von den Lehrpersonen und Schülern war sehr emotional und sehr schön. Doch ich bin kein Mensch, der in Aktivismus verfällt, um die Leere zu füllen. Ich habe mir bewusst keine Zukunftspläne gemacht und geniesse die Freiheit.» Die Freiheit, sich Zeit für Besuche im Musical oder Zoo zu nehmen. «Ich lebe in Zürich gleich neben dem Zoo und habe von der Schule eine Jahreseintrittskarte geschenkt bekommen.» Sagts und verabschiedet sich, um sein Pult leerzuräumen und sich auf ein letztes Treffen mit dem Psychiatrischen Dienst vorzubereiten. Damit alles geordnet ist, wenn er dann die Tür Ende Juli endgültig schliesst.

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