Die Frau, die mit ihr en Söhnen aus dem Iran floh

Im Jahr 2015 flüchtete Lili* mit ihren minderjährigen Söhnen aus dem Iran in die Schweiz. Siebenmal mussten sie in eine andere Asylunterkunft ziehen. Mittlerweile hat sie ihren Traumjob gefunden, lebt in der eigenen Wohnung und hat wieder Lebensmut gefunden.

«Magst du Tee?», fragt Lili*, «ich habe unseren traditionellen Tee gemacht.» Auf dem Holztisch vor dem Sofa stehen eine rote Thermosflasche und zwei kleine Teegläser. «Wir trinken den Tee warm», sagt die 45-Jährige während des Einschenkens und bietet dazu Schokolade an. Seit vergangenem Herbst arbeitet die Lebensmittelingenieurin bei einem bekannten Schweizer Schokoladeunternehmen in der Qualitätssicherung. «Mein Traumjob», sagt sie. Der Weg dorthin war allerdings steinig.

Lili wuchs in der Hauptstadt Teheran auf, erwarb dort an der Universität den Bachelor als Lebensmittelwissenschaftlerin. Mit 21 heiratete sie und zog zu ihrem Mann ins 140 Kilometer südlicher gelegene Qom, eine bedeutende Stadt des schiitischen Islams. Entsprechend religiös sei die Familie ihres Mannes. «Als Frau hat man im Iran wenig Rechte, kann sich auch kaum scheiden lassen», sagt sie. Sie sah in der Flucht die einzige Möglichkeit, den Eheproblemen zu entkommen, die sie psychisch krank gemacht hätten. Sie gab an, Verwandte in der Schweiz zu besuchen – und kehrte nicht mehr zurück.

Siebenmal umgezogen in 9 Jahren

Im Juli 2015 stellte sie einen Asylantrag. Nach den ersten zwei Wochen im Bundesasylzentrum in Kreuzlingen lebten sie und ihre Kinder innerhalb von 3,5 Jahren in fünf verschiedenen Asylzentren in Buchs, Neuenhof, Aarau und Wettingen. Ihre Söhne musste immer wieder die Schule wechseln. Mit dem Status N, also einem noch hängigen Asylentscheid, durfte Lili nicht arbeiten. «Das und in der Ungewissheit zu leben, abgewiesen zu werden, war sehr schwierig für mich.» Sie vermisste auch ihre Mutter, die sie zuvor täglich gesehen hatte.

Nach 3,5 Jahren erhielten sie Bescheid: Status F. «Uns wurde gesagt, dass wir nur vorläufig aufgenommen werden, weil wir nicht aus politischen, sondern persönlichen Gründen geflüchtet sind. Allerdings wurde entschieden, dass wir nicht in den Iran zurückgeschickt werden können.» Das grösste Geschenk sei gewesen, dass sie ab diesem Zeitpunkt arbeiten und einen Deutschkurs besuchen durfte. «Ich schloss mit Niveau C1 ab», sagt sie stolz.

100 Absagen erhalten

Die Jobsuche gestaltete sich allerdings schwierig. «Die Beraterin beim Ask hat mir immer wieder gesagt, dass meine Ausbildung aus dem Iran nicht anerkannt werde.» Also suchte die damals 41-Jährige eine Lehrstelle. «Ich erhielt mehr als 100 Absagen.» Schliesslich fand sie eine zweijährige Berufsattestlehre als Lebensmittelpraktikerin und zog mit ihren Söhnen in eine Sozialwohnung nach Wettingen. Sie schloss mit der Note 5,9 ab. In der Zwischenzeit war auch ihr Bachelor anerkannt. «Ich war falsch informiert worden, hätte also gar keine Lehre machen müssen.» In ihrer Stimme schwingt Enttäuschung mit. Kurz später lacht sie aber schon wieder und erzählt, dass der Prüfungsexperte bei der praktischen Abschlussprüfung so begeistert von ihrem Können gewesen sei, dass er ihr bei der Stellensuche half. «Das ist er», sagt sie und zeigt auf ihrem Handy auf ein Foto. Der Mann kennt viele Leute in der Lebensmittelbranche und so konnte sich Lili im Sommer 2023 bei ihrem jetzigen Arbeitgeber vorstellen. Nach dem dreimonatigen Praktikum bekam sie eine befristete Anstellung in der Qualitätssicherung. «Mein Traumjob», sagt sie und hofft, dass sie langfristig in der Abteilung arbeiten kann.

Helfer in einer schwierigen Zeit

«Ich habe viel Schwieriges erlebt in meinem Leben. Trotzdem war auch immer jemand da, der mir half», sagt sie rückblickend. Unterstützung habe sie beispielsweise von den Leuten des Vereins treff.punkt Wettingen erhalten. Sie konnte mit ihren Söhnen zum Beispiel an Ausflügen teilnehmen oder sie wurde bei Administrativem unterstützt.

Eine wichtige Stütze ist auch ihr Partner, der aus Irland stammt. «Er gibt mir Ruhe und Liebe und ist immer positiv.» Das tue ihr besonders dann gut, wenn sie sich an ihr Leben im Iran erinnere, «wo mir ständig das Gefühl vermittelt wurde, alles falsch zu machen, und mein Selbstwertgefühl litt. Ich verstehe, wieso die Frauen im Iran auf die Strassen gehen und für ihre Rechte kämpfen. Ich fühle mit ihnen.» Viele ihrer Verwandten seien ausgewandert. Ihre Mutter ist vor vier Jahren gestorben. «Ich konnte nicht an ihrer Beerdigung dabei sein», sagt sie leise und streicht über den Teppich auf dem Tisch. Er, die Teegläser und ein paar weitere Gegenstände stammen von ihr. Dann blickt Lili auf und beginnt zu lächeln: «Aber jetzt bin ich hier, habe zwei Söhne, die die Kantonsschule besuchen, arbeite in einer guten Firma. Das ist ein grosses Glück. Was will ich mehr?» Träume hat sie trotzdem noch: Sie würde gerne doktorieren, «und ich hätte gerne den Schweizer Pass.» * Name aus Persönlichkeitsschutz geändert

Odo und Christa Camponovo vom Verein treff.punkt stellten der Bevölkerung das Vereinsangebot am «Tag der offenen Tür» in der kantonalen Asylunterkunft vor.bär

«Geflüchtete Menschen erzählen»

Der Verein treff.punkt Wettingen führt am Montagabend, 27. Mai, einen Anlass für die Öffentlichkeit durch. Dabei erzählen Menschen, die aus verschiedenen Länder in die Schweiz geflüchtet sind, ihre Geschichten. Zudem gibt eine Fachperson Auskunft über das Asylwesen in der Gemeinde.

Der Verein will den Alltag von Asylsuchenden und Flüchtlingen in Wettingen und Umgebung erleichtern, einen Beitrag zu ihrer Integration leisten und organisiert verschiedene Angebote. Sie bieten das Café Pause an, Deutschkurse, Sportveranstaltungen und unterstützen einzelne Anliegen der geflüchteten Menschen. «Der Verein ist 2015 aus dem Bedürfnis heraus entstanden, nach dem Kriegsausbruch etwas für die Geflüchteten zu tun», sagt Christa Camponovo. Sie und weitere fünf Personen bilden den Vorstand. Als Erstes wurden Deutschkurse angeboten. «Das Angebot ist sehr dynamisch und muss immer wieder den Bedürfnissen angepasst werden», so Camponovo. Weitere Freiwillige sind sehr willkommen. Informationsanlass am Montag, 27. Mai, 19 Uhr, ref. Kirchgemeindehaus, treffpunktwettingen.ch.

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