Musik, Bewegung und Rhythmik helfen dem Hirn

Rhythmikkurs: Andrea Cattel gibt mit Klaviertönen den Takt an.  Melanie Bär
Rhythmikkurs: Andrea Cattel gibt mit Klaviertönen den Takt an. Melanie Bär

Rhythmikübungen als Sturzprävention: In Spreitenbach gibt es seit Frühjahr ein Angebot, das Senioren hilft, sich körperlich und geistig fit zu halten. Mangelnde Besucherzahlen gefährden den Kurs.

Dienstag, 14.15 Uhr im Pfarreisaal an der Ratzengasse. Andrea Cattel weist elf Frauen an, sich bequem hinzusetzen und das Becken im Rhythmus der Atmung ein- und auszurollen. Kurze Zeit später setzt sie sich ans Klavier und drückt auf die Tasten. Mal ist der Rhythmus schnell, mal langsam. Die Seniorinnen bewegen Hände und Füsse im Takt. Rhythmiklehrerin Cattel verteilt farbige Säcklein, die sich die Frauen auf den Kopf legen und herumspazieren. «Genau so aufrecht sollte eure Körperhaltung auch ohne Säcklein sein», lobt die Musikpädagogin und Rhythmiklehrerin und beginnt, wieder schneller Klavier zu spielen.

Was einfach aussieht, ist es nicht: Die rhythmischen Körperübungen fordern Einsatz von Hirn und Körper, die Kursteilnehmer müssen «multitasking» arbeiten, also mehrere Sachen miteinander ausführen. Diese Fähigkeit nimmt im Alter ab. «Das wird aber oft erst wahrgenommen, wenn sich die eigene Mobilität deutlich verschlechtert hat», sagt Kursorganisator Martin von Arx und fügt an: «Treppensteigen oder alltägliches Gehen wird schwieriger, die Sturzgefahr nimmt zu. Man kann nicht mehr automatisch an wichtige Dinge denken und gleichzeitig andere Tätigkeiten ausführen.»

Lebensstil beeinflusst Alterung

Um dem entgegenzuwirken, hat Martin von Arx vor 20 Jahren den Verein Erwachsenen- und Seniorenrhythmik gegründet. In Basel wurde ein erster Rhythmikkurs angeboten. Mitinitiator war Reto W. Kressig, der als Arzt in der Altersmedizin zu den Altersthemen Kognition, Mobilität und Ernährung forschte. «Vor rund zehn Jahren ist man zur wissenschaftlichen Erkenntnis gelangt, dass wir 70 bis 80 Prozent des Alterungsprozesses durch unseren selbst gewählten Lebensstil beeinflussen können», sagte Kressig während eines Interviews anlässlich seiner Pensionierung im Sommer gegenüber dem Universitätsspital Basel. Kressig fand heraus, dass Personen, die regelmässig solche Rhythmikübungen machen, gesünder sind und weniger stürzen. Er verschrieb seinen Patientinnen und Patienten fortan nicht nur Medikamente, sondern empfahl ihnen regelmässige Rhythmikübungen. Gemäss statistischen Untersuchungen stürzt jede dritte über 65-jährige Person mindestens einmal pro Jahr, oft mit fatalen Folgen.

Weitere Teilnehmende gewünscht

Mittlerweile finden in der Deutschschweiz rund 110 Rhythmikkurse statt, seit Frühjahr auch einer in Spreitenbach. Die Kurse werden vom Kanton Aargau und der Einwohner- und der Katholischen Kirchgemeinde Spreitenbach finanzielle unterstützt. Die Teilnehmenden bezahlen 12 Franken pro Mal, in Härtefällen weniger. Um den Kurs kostendeckend und langfristig durchführen zu können, bräuchte es zusätzliche Teilnehmende.

Die Anwesenden bereuen es nicht, dass sie sich angemeldet haben. «Es tut gut, man muss auch das Gehirn anstrengen», wirbt eine der Spreitenbacher Teilnehmerinnen und ihre Kollegin fügt an: «Ich bin nach dem Kurs richtig aufgestellt.»

Rhythmik nach Jaques-Dalcroze, jeden Dienstag 14.15 Uhr (ohne Schulferien), im Saal Kath. Kirchgemeinde, Ratzengasse 3, Anmeldung: Andrea Cattel, Telefon 076 377 11 60.

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