Das zweite Leben von Stefan Kalt

Seine Nachfolge als RVBW-Direktor war geregelt, Stefan Kalt plante bereits seine Zeit nach der Pension. Doch statt zu reisen, kämpft er sich nun nach einem Aortariss ins Leben zurück.
«Ich habe mir meine Pensionierung anders vorgestellt», sagt Stefan Kalt. Er wirkt gefasst, während er in seinem Haus am Waldrand von Spreitenbach im Wintergarten sitzt und erzählt, was am 18. April im letzten Jahr passiert ist. Die Sonne scheint durch die Glasscheiben, als der 65-Jährige sein Hemd aufknöpft und auf eine etwa 50 Zentimeter grosse Narbe über seinem Brustkorb zeigt. Es sind die sichtbaren Spuren dieses verhängnisvollen Karfreitags, als ihm die Ärzte während einer neunstündigen Notoperation seinen Brustkorb öffneten und ihm das Leben retteten.
Er habe sich gut gefühlt an diesen Tag, erzählt Stefan Kalt. Wie immer vor Ostern verbrachte er ein paar Tage mit Kollegen beim Golfen und ging, zurück in der Schweiz, am Karfreitag bei Freunden in Lenzburg brunchen. Während sich seine Frau Kathrin um 17 Uhr ausgiebig verabschiedet, setzt er sich nochmals hin. «Auf einmal spürte ich einen dumpfen Herzschlag. Irgendetwas ist los, dachte ich, als ich auch noch einen Druck im Hals und am Bein spürte», erzählt er heute. «Ich wollte aufstehen, doch meine Beine liessen nach.» Dann sei alles schnell gegangen. Seine Frau erkannte den Ernst der Lage und fuhr ihn mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Kantonsspital nach Baden. Als das Personal dort nach Vorerkrankungen fragte, erwähnte sie, dass Stefan Kalts Mutter an einem Aortariss gestorben sei. Sie wusste, dass diese Krankheit vererbbar und tödlich sein kann. Die Fachleute reagierten sofort und bestätigten ein paar Minuten später den Verdacht. «Ich hatte Glück, es stand gerade ein Helikopter bereit, um ins Unispital Zürich zurückzufliegen.» Weil sie dort für solche Operationen spezialisiert sind, brachte das Spitalpersonal Kalt in den Helikopter, kurze Zeit später wurde er in Zürich operiert. «Ich hatte Glück, weil an diesem Feiertag gerade eine Herzspezialistin Dienst hatte und mich operierte.»
Geduldsprobe für die Angehörigen
Es seien lange Stunden gewesen, erinnert sich Kathrin Kalt, die ungeduldig auf den Bescheid der Ärzte wartete und schliesslich erfuhr, dass ihr Mann viel Blut verloren und kurz vor Ende der OP einen Herzstillstand hatte. Weil das Hirn in diesen zwei, drei Minuten mit Blut und Sauerstoff unterversorgt war, erlitt er im Hinterkopf zwei Schlägli. Sie beschädigten beide Sehnerven und verursachten ein massiv eingeschränktes Sichtfeld. «Die Ärzte sagten, sie wüssten nicht, ob auch sein Hirn beschädigt war», erinnert sich die 57-Jährige.
Diese Angst bestätigte sich nicht. Doch: «Als ich von der Narkose aufwachte, war meine linke Körperseite gelähmt und ich war sozusagen blind», sagt Stefan Kalt. Diesmal spricht er mit gebrochener Stimme und Tränen in den Augen. «Es war schlimm. Mein Gedanke war: Es ist ja schön, dass ich überlebt habe, aber in diesem Zustand will ich nicht weiterleben.» Während seine Frau froh war, dass sein Hirn keinen Schaden genommen hatte, spürte sie, wie es ihm den Boden unter den Füssen wegzog. Sie kontrollierte, ob im Spitalzimmer alle Fenster gut verschlossen waren. «Ich weiss noch, dass ich zu ihm sagte: ‹Schluss mit Selbstmitleid, wir schaffen das gemeinsam. Ich hole dich aus diesem Loch heraus›.» Die Aussage der Herzchirurgin, dass nur 2 von 10 Menschen mit einem Aortariss den Weg ins Spital überleben und von ihnen einer bei der Operation stirbt, machte sie dankbar, dass ihr Mann dalag und lebte.
Stefan Kalt war das in diesem Moment kein Trost. Er haderte. Schliesslich hatte er sich so lange auf seine Pensionierung gefreut, hatte alles geregelt, lebte gesund und war glücklich. Trotzdem hielt er durch. «Kathrin gab mir Kraft. Und ich merkte, dass es aufwärts geht.» Nach ein paar Stunden kam das Gefühl in seine linke Körperseite zurück und seine Sicht wurde von Tag zu Tag besser. Nach zwei Wochen auf der Intensivstation, weiteren zwei Wochen Spital und einem Monat Reha kehrte er schliesslich im Juni nach Hause zurück. «Es kamen mich viele Leute besuchen, das tat gut und lenkte mich ab.»
Sicht ist eingeschränkt
Es ist warm geworden im Wintergarten. Stefan Kalt steht auf, drückt auf einen Knopf, die Store schliesst sich langsam und er setzt sich wieder auf den Sessel. Seine Bewegungen wirken sicher, man ahnt nicht, dass er am Anfang auf den Rollstuhl und Rollator angewiesen war und hart trainiert. Physiotherapeut und Ergotherapeutin kommen wöchentlich vorbei, er spaziert jeden Tag an der frischen Luft. Trotz Fortschritten: Das linke Sehfeld blieb eingeschränkt und es gibt kaum Hoffnung auf Heilung. Das Handicap hat Auswirkung auf Gleichgewicht und Alltag. Kalt darf nicht mehr Auto fahren, sich in Menschenmengen zu bewegen, strengt ihn an. «Ich sehe nicht, was links von mir passiert, wenn jemand auf mich zukommt und stosse deshalb in Menschenmengen immer wieder mit Leuten zusammen, es ist extrem anstrengend.»
Auch wenn er sich seine Pensionierung definitiv anders vorgestellt hat, sieht er auch das Positive. «Ich bin mittlerweile dankbar, dass ich noch lebe und sehe das Leben aus einer anderen Perspektive. Glück ist nicht selbstverständlich. Ich hatte einen Schutzengel – er steht neben mir», sagt er bei der Verabschiedung und blickt zu seiner Frau rüber. Sie lacht, umarmt ihren Mann. «Wir haben einander. Und wir werden unsere Pläne schon noch umsetzen. Einfach ein Jahr später als geplant. Du bekamst ein zweites Leben geschenkt. Und dafür bin ich sehr dankbar.» Auf einmal wirkt die sonst so quirlige Frau nachdenklich. «Wenn so etwas passiert, merkt man plötzlich, was wirklich wichtig ist im Leben», sagt sie, bevor sie die Türe schliesst.


