Würenlos
14.07.2021

220 Kilogramm Abfall auf der A1

Im Einsatz gegen Littering: Jérôme Messmer, Markus Kost, Cédric Québatte (v.l.).Robin Schwarz

Im Einsatz gegen Littering: Jérôme Messmer, Markus Kost, Cédric Québatte (v.l.).Robin Schwarz

Sie wollen die Bevölkerung sensibilisieren: Jérôme Messmer, Markus Kost und Cédric Québatte.

Von: Robin Schwarz

Ein Shopping-Zentrum über der Autobahn, das im Volksmund «Fressbalken» heisst – eigentlich fast ein Symbol für Konsumkultur. Und gerade da, wo intensiv – und schnell – konsumiert wird, gibt es viel Abfall, und da, wo es viel Abfall gibt, gibt es in der Regel viel Littering. Der perfekte Standaktions-Ort für die IG Saubere Umwelt (IGSU), die sich seit Jahren gegen das achtlose Wegwerfen von Müll einsetzt. Am Anlass soll die Bevölkerung auf das Thema aufmerksam gemacht werden, und das «charmant», wie es in der Medienmitteilung heisst.

«Es ist eine Bekenneraktion, bei dem die Leute einen moralischen und symbolischen Vertrag eingehen sollen», erklärt Teamleiter Cédric Québatte, der von zwei weiteren sogenannten «Botschaftern» unterstützt wird. Mehrere prall gefüllte Abfallsäcke liegen neben dem Stand. 220 Kilogramm, um genau zu sein. So viel Müll lande jeden Tag auf der A1 zwischen Dietikon und Oftringen, sagt die IGSU, einer Strecke von bloss 40 Kilometern. Hinter dem Stand eine Plakatwand. Die Passanten, die in der Raststätte halt machen, werden dazu aufgefordert, auf der Plakatwand mit Stiften ihr Statement gegen Littering zu hinterlassen, gewissermassen eben diesen «moralischen und symbolischen Vertrag» zu unterschreiben und zu geloben, selber kein Littering zu betreiben.

Ohne Mahnfinger

Die Reaktionen seien durchweg gut, erzählt Cédric Québatte. Klar, manchmal komme es zu Meinungsverschiedenheiten, denn «Abfall kann immer verschiedene Reaktionen auslösen», sagt Québatte, am Ende finde man sich aber immer. Die Reaktionen seien wohl auch darum positiv, weil sie nicht nur mit dem Finger zeigen würden, sondern selber etwas täten. Wirklich negative Reaktionen gebe es nie und schliesslich mache er das jetzt seit 14 Jahren. Nicht wenige Personen sind dabei, etwas auf die Plakatwand zu malen oder zu schreiben. Mehr als bei anderen öffentlichen Standaktionen, um welche viele Menschen sonst einen weiten Bogen machen. «Das ist ein Thema, das alle angeht, wirklich alle» erklärt Québatte die starke Partizipation. Man arbeite bei diesem Thema auch «mit den Leuten zusammen», so der Teamleiter weiter.

Wer wirft den Abfall raus?

Es sei allerdings ein bisschen ein Mysterium, wer eigentlich die Littering-Sünder seien. «Sehr viele Leute glauben, sie würden alles richtig machen und immer die anderen seien Schuld», sagt Québatte. Aber es ist auch eine seltsame Vorstellung: Jemand fährt auf der Autobahn und wirft einfach eine Takeaway-Verpackung oder eine Dose raus. «Das ist tatsächlich immer ein Rätsel: Wer macht sowas?», lacht Québatte. Auf der Homepage der IGSU ist eine Typologie der Litternden zu finden: So gebe es die «Coolen», die littern, weil sie sich nichts vorschreiben lassen würden, oder solche, die nicht als «Streber» vor ihren Kollegen dastehen wollen. Oder sogar die «Heavy Litterer», die sagen, es werde ja sowieso aufgeräumt, und glauben, sie würden damit «Arbeitsplätze schaffen». An der Raststätte sieht man sich sogar mit Littering konfrontiert, das eine legale Grenze überschreitet, und zwar jene zur illegalen Entsorgung. Manche Leute brächten sogar ihren Hausmüll hierher.

Umweltaktivismus findet sich heutzutage allenthalben, Littering ist trotzdem noch da. Kein Wunder, sagt Québatte. Über die letzten 10 Jahre habe sich unser Konsumverhalten verändert, es gebe immer mehr Menschen und wir würden die öffentlichen Räume häufiger benutzen als noch früher. Mehr Littering gebe es aber nicht, das Thema sei über die Jahre «konstant» geblieben, so Québatte.