20.05.2020

Junger Wettinger: «Ohne Hilfe hätte die Lehre nicht geklappt»

Der 20-jährige Michael erhielt finanzielle Hilfe für seine Lehre.  Symbolbild: Sandra Ardizzone/Archiv

Der 20-jährige Michael erhielt finanzielle Hilfe für seine Lehre. Symbolbild: Sandra Ardizzone/Archiv

Michael aus Wettingen schliesst dieses Jahr seine Lehre ab. Wie viele andere im Kanton Aargau auch. Der Unterschied: Er brauchte dabei finanzielle Unterstützung.

Von: Rahel Bühler

Genau wie tausende andere junge Erwachsene schliesst Michael dieses Frühjahr seine Lehre ab. Er befindet sich im Endspurt seiner vierjährigen Ausbildung zum Automatiker. Eine Lehre kostet Geld. Geld für Schulbücher, Mittagessen, Busabo. Geld, das Michael und seine Familie nicht hatten. Deshalb erhielt er Unterstützung von der Wettinger Joseph- und Franz-Prost-Stiftung. Michael heisst eigentlich nicht Michael. Er steht zwar zu seiner Geschichte. Seinen vollen Namen in der Zeitung zu lesen, ist ihm aber unangenehm.

Seit zehn Jahren lebt der heute 20-Jährige mit Mutter, Schwester und Bruder in Wettingen. «In der dritten Sek kam das Thema Berufswahl auf den Tisch», sagt Michael beim Telefoninterview. Zuerst habe er sich für den Hochbauzeichner interessiert, später für den Automatiker. «Ich habe mich bei verschiedenen Unternehmen beworben, befand mich in der engeren Auswahl. Es hat aber nie geklappt.» Er vermutet, das habe mit seinen Noten zu tun gehabt. Laut berufsberatung.ch erfordert eine Automatikerlehre gute Leistungen in Mathematik und Physik. Michaels Noten pendelten sich zwischen 4 und 4,5 ein. Also suchte er nach Alternativen. Und fand den Beruf des Automatikmonteurs. Nach einer Schnupperlehre erhielt er die Lehrstelle in einem Aargauer Betrieb, der Schaltanlagen und Steuerungen entwickelt. Um an seinen Arbeitsort zu gelangen, brauchte er ein Busabo. «Zu Beginn der Lehre hat man noch nicht so viel Geld. Meine Mutter ist alleinerziehend. Sie konnte mich auch nicht unterstützen», blickt der 20-Jährige zurück. Da habe sie ihn auf Stiftungen aufmerksam gemacht, die junge Menschen in Ausbildung unterstützen. Wie die Joseph- und Franz-Probst-Stiftung. Sie bewilligte Michaels Antrag. So erhielt er 1000 Franken für das erste Lehrjahr.

Nach dem ersten Lehrjahr wechselte er den Beruf

Während dieses Jahres habe er «den Knopf aufgemacht»: «Die Fächer machten mir Spass. Deshalb machte ich auch die Hausaufgaben gerne. Sie waren mir aber zu einfach», sagt er. So habe er mit der Zeit etwas das Interesse verloren. «Damit mir die Lehre wieder Spass macht, haben wir nach Lösungen gesucht.» Und eine gefunden: den Wechsel zu einer Lehre als Automatiker. Der Betrieb gab seine Zustimmung. Michael startete aber von vorne mit der Ausbildung: «Der Berufsberater riet mir dazu. Der Sprung wäre sonst zu gross gewesen.» 
An der Arbeit des Automatikers gefällt ihm, dass er nach Abschluss der Arbeit ein Produkt in den Händen hält. Man sehe, was man hergestellt hat, sagt er. Weniger gut gefällt ihm, wenn er bei grossen Aufträgen stundenlang die gleiche Arbeit ausführen müsse. 

Mit jedem neuen Lehrjahr musste der angehende Automatiker das Unterstützungsformular der Stiftung neu ausfüllen. Michael hat den Beitrag jedes Jahr erhalten. «Unsere finanzielle Situation hatte sich nicht verbessert.» Das Gehalt der Mutter und die Alimente des Vaters reichten nicht aus. «Ich weiss nicht, wie ich meine Lehre ohne die Hilfe der Stiftung hätte absolvieren können», sagt er heute. Mittlerweile sehe die Situation etwas besser aus: Der Bruder verdiene gut und wenn er, Michael, die Lehre abschliesse, würde er auch mehr Lohn erhalten. «Bei uns leistet jeder einen finanziellen Beitrag.» Das erachtet er als selbstverständlich: «Meine Mutter hat mich jahrelang finanziert. Jetzt kann ich ihr etwas zurückgeben.» 

Während der vergangenen zwei Monate fand der Unterricht der Berufsschule via Video, Chats und selbständiges Arbeiten statt. Das Homeschooling habe ihm keine Mühe bereitet. Er könne sich zu Hause besser konzentrieren. «Es ist eine Frage der Selbstverantwortung, ob man mitmacht oder nicht.»

Der neue Arbeitsplatz sei eine neue Chance für ihn

Normalerweise würde Michael jetzt mitten in den Vorbereitungen für die schriftlichen Lehrabschlussprüfungen stecken. Die praktische war im Februar. Wegen des Coronavirus finden sie aber nicht statt. Er stehe dieser Entscheidung mit gemischten Gefühlen gegenüber: «Viele Leute denken, es sei ein geschenkter Abschluss.» Der Wettinger sieht die Herausforderung der LAP in der praktischen Prüfung. Und die findet ja statt. «Ich bin aber schon auch erleichtert. Ich weiss, ich habe die Lehre bestanden.» Im Anschluss wird er eine neue Stelle im Kanton Zürich antreten. Der Arbeitsweg wird noch länger sein als sein bisheriger. Aber das sei es ihm wert: «Es ist eine neue Chance für mich. Dort wird man mich als Schemazeichner einarbeiten.»