Neuenhof
22.01.2020

Brandserie von 2018: Gefühl der Zugehörigkeit als Motiv

Feuerwehr Neuenhof <em>an einer Hauptübung.Archiv/Scherer</em>

Feuerwehr Neuenhof an einer Hauptübung.Archiv/Scherer

Nicht das Feuer, sondern sich am anschliessenden Feuerwehreinsatz beteiligen zu können, sei der Grund für die Brandstiftungen gewesen. Das sagte der ehemalige Neuenhofer Feuerwehrmann, als er am Dienstag vor Gericht stand.

Von: melanie Bär

Sieben Brände hatte der 22-Jährige zwischen Juli und Oktober 2018 gelegt. Seit mehr als einem Jahr ist er in Haft. Er ist geständig und zeigte sich am Dienstag vor dem Bezirksgericht Baden reuig. Neben den Brandstiftungen wurde der Deutsche auch wegen Schreckung der Öffentlichkeit verurteilt. Er hatte mehrere lebensgrosse Frauenfiguren gezeichnet, sie teilweise mit Damenunterwäsche bekleidet, ihnen Messerstiche zugefügt und sie mit handschriftlicher Notiz mit sadistischem Inhalt im Bezirk Baden verteilt.

Eine Gutachterin attestierte dem Mann eine Persönlichkeitsstörung. Diese beeinträchtige seine Steuerungsfähigkeit. Er sei emotional instabil und unreif. Auf die Frage der Gerichtspräsidentin, wie gross die Rückfallgefahr sei, antwortete die Gutachterin: «Unbehandelt ist sie hoch.» Die Behandelbarkeit sei eindeutig gegeben und sie gehe davon aus, dass eine Behandlung durch Therapie die Rückfallgefahr minimiere.

Der Angeklagte betonte immer wieder, dass er niemandem habe Schaden zufügen wollen. Deshalb habe er auch darauf geachtet, dass sich der Brand nicht habe ausbreiten können. Sein Motiv sei das Zugehörigkeitsgefühl gewesen, das er bei den Feuerwehreinsätzen erlebt habe. «Ich wollte niemanden verletzen, mir ging es einzig und allein darum, dass es einen Feuerwehreinsatz auslöst, an dem ich mich beteiligen kann.» Erst jetzt sei ihm bewusst, was für ein Wahnsinn er gemacht habe und wie gefährlich das gewesen sei. Vor der Urteilsverkündigung gab ihm die Gerichtspräsidentin das Wort. Der Deutsche entschuldigte sich bei den Geschädigten und bei den Feuerwehrmännern, deren Vertrauen er missbraucht habe.

Fünf Männer der Feuerwehr Neuenhof waren an der Verhandlung anwesend. Auch der Kommandant Daniel Burger. Er hatte damals Verdacht geschöpft und die Polizei informiert. Die Brandserie sei eine grosse Belastung für die gesamte Feuerwehr gewesen. Die Gerichtsverhandlung für Burger der Abschluss davon. Als Konsequenz will Burger bei der Personalrekrutierung noch besser hinhören. «Allerdings ist es nicht möglich, ein solches Verhalten vorherzusehen.»

Am Dienstagabend hatte er seine Korpsangehörige über das Urteil informiert. Es habe nicht zu grossen Emotionen geführt. Der Täter sei der Feuerwehr erst Anfang 2018 beigetreten, nicht alle der 85 Feuerwehrangehörigen hätten ihn deshalb persönlich gekannt.

Burger bestätigt, dass in der Feuerwehr ein grosser Zusammenhalt herrscht. Er nimmt dem ehemaligen Feuerwehrmann ab, dass es ihm um den Einsatz und um das dadurch entstehende Zusammengehörigkeitsgefühl ging und nicht ums Feuer: «Er ist ein Opfer von sich selber.» Man müsse die Bevölkerung aber vor ihm schützen. «Deshalb hätte ich die vom Staatsanwalt geforderte stationäre Massnahme, die sogenannte kleine Verwahrung, begrüsst.» Dem pflichtet Vizeammann Petra Kuster bei, die den Fall als Ressortvorsteherin ebenfalls hautnah mitbekam. Sie nahm an der Gerichtsverhandlung am Dienstag ebenfalls teil und zeigte sich emotional berührt: «Es steht immer ein Mensch dahinter. Der Täter ist ein hochsensibler Mann.» Sie sei sich jedoch nicht sicher, ob er sich bewusst sei, was er angerichtet habe. «Er hatte sehr viele Schutzengel.» Obwohl der junge Mann sieben Brände gelegt hatte und beim letzten Brand im Oktober 2018 an der Hofmatt- strasse «die Bewohner mit seinem Verhalten einer Gefahr für Leib und Leben aussetzte», wie es in der Anklageschrift heisst, wurde niemand schwer verletzt.

Der Schuldspruch der Brandstiftung hat für den jungen Mann auch finanzielle Folgen. Die Zivilforderungen der Geschädigten belaufen sich auf mehr als 150 000 Franken. «Diese Last wird Sie noch lange begleiten», sagte Gerichtspräsidentin Gabriella Fehr am Schluss und riet ihm, das Beste daraus zu machen.