Neuenhof
06.10.2021

Man kann auch ohne Cola Spass haben

Nadia Bohler ist leidenschaftliche Jugendarbeiterin. (Bild: Robin Schwarz)

Nadia Bohler ist leidenschaftliche Jugendarbeiterin. (Bild: Robin Schwarz)

Nadia Bohler ist seit August neue Jugendarbeiterin in Neuenhof. Ein Gespräch über Grenzen und Rollen.

Von: Robin Schwarz

Wenn Nadia Bohler über ihre Arbeit, über die Jugendlichen spricht, sprüht sie vor Begeisterung, ihre Augen strahlen, sie lacht. Kein Wunder: «Ich bin ein offener und lebensfroher Mensch», sagt die 26-Jährige, die neu die Jugendarbeit in Neuenhof leitet und in der Schulsozialarbeit Präventionsarbeit leistet. An vielen Dingen interessiert sei sie und offen für Neues. Ein perfekter Persönlichkeitsmix, wenn man mit Jugendlichen zusammenarbeitet, die einen ständig neue Perspektiven vor Augen führen.

«Jugendarbeit ist schon ein bisschen eine Leidenschaft für mich», die Soziokultur der Jugendlichen zu erfahren sei spannend, alles sei etwas freier, etwas niederschwelliger und «man lernt die Menschen in der Freizeit viel ungezwungener kennen, und wenn sie in den Jugendtreff kommen, dann wollen sie auch wirklich kommen». So mit Kindern und Jugendlichen zusammenzuarbeiten, mache Spass, führt Nadia Bohler in ihre Arbeit ein.

Bohler wohnt in Baden in einer WG und hat somit nur einen kurzen Arbeitsweg, was sie sehr schätze. Davor hatte sie in Wetzikon gearbeitet. In Neuenhof hat sie nun erstmals eine Leitungsposition inne. Die Stelle hat sie übernommen von der abgetretenen Nathalie Jaworski, die nach fünf Jahren in Neuenhof ihr Stellenglück in Klingnau an einer Sonderschule sucht. Noch sei Bohler in der Kennenlernphase, erzählt sie. Da käme es auch manchmal vor, dass sie von den Jugendlichen noch ausgetestet werde, das gehört zum Jungsein, vielleicht noch etwas mehr, wenn zuhause nur wenige Grenzen gesetzt werden. Genau das sei manchmal der Fall, schätzt die Sozialarbeiterin. Obwohl Bohler gerne partizipativ arbeitet – die Regeln des Jugendtreffs entstehen zusammen mit den Jugendlichen – gehöre es zum Beispiel auch dazu, alle die Inputs in entsprechende Bahnen zu lenken und keine Illusionen zu erzeugen: «Die Jugendlichen haben Tausende Ideen» sagt Bohler. «Es ist aber wichtig, ihnen keine unrealistischen Versprechungen zu machen», sondern es gelte, gemeinsam manche Ideen zu hinterfragen und zu optimieren. Es sei aber das Ziel, dass sich die Teenager im Jugendtreff auch selber verwirklichen können, dies in diversen Projekten, die die Zukunft bringen soll.

Das Thema Grenzen zieht sich auf die ein oder andere Weise, manchmal explizit, manchmal implizit, durch das Gespräch mit Nadia Bohler. Zum Beispiel anhand ihres Rollenverständnis: Sie ist zwar keine Lehrerin und darf cooler sein als die Person, die den Matheunterricht gibt, eine Kollegin ist sie aber trotzdem nicht. «Ich bin eine Vertrauensperson» sagt Bohler, lässt aber den Jugendlichen offen, wie sie sie sonst noch sehen dürfen.

Das Gefühl, verstanden zu werden

Neben dem pädagogischen Auftrag hat Nadia Bohler auch eigene Themen auf der Agenda, die sie gerne mit ihren Schützlingen thematisieren möchte. Gesundheit zum Beispiel: So gibt es unter ihrer Ägide etwa keine Cola, kein Redbull, sondern Sirup, Wasser und Most. Auch stehen bei ihr feministische oder queere Themen – das heisst Themen, die sich zum Beispiel um Homo- und Bisexualität oder Transidentität drehen – oben auf der Liste. «Ich würde zum Beispiel gerne einen Queer-Treff gründen», erklärt sie eines ihrer Ziele. Das sind Themen, die noch immer in vielen Haushalten tabuisiert werden, umso wertvoller ist es, wenn sie so Vertrauen herstellen kann.

Das ist für Bohler einer der herausforderndsten Aspekte an ihrem Beruf: «Es ist mir mega wichtig, den Jugendlichen das Gefühl zu geben, dass ich sie verstehe».

Das zu vermitteln sei darum schwierig, weil sich die Zeiten ändern, weil sich die Jugend mit ihren Trends und Interessen ändert, vielleicht, weil es Kinder mit Migrationshintergrund gibt, die anders geprägt wurden, weil Bohler anders aufgewachsen ist, weil die Jugendlichen denken, sie hätte sich früher mit anderen Themen beschäftigt, oder weil es Sorgen gibt, die zuhause nicht angesprochen werden dürfen. «Ich nehme die Jugendlichen so, wie sie sind, ich gehe auf sie im richtigen Moment zu, suche das Gespräch, wenn es das braucht, das muss man jeweils herausfinden», erklärt Bohler ihre Methodik.

«Manche der Jugendlichen kommen, gamen zwei Stunden und gehen wieder, andere treffen sich mit ihren Freundinnen oder quasseln einen ganzen Abend lang mit mir.» Ein Jugendlicher habe ihr kürzlich Tarot-Karten gelegt. Manche der Jugendlichen seien bisher bei allen Treffs dabei gewesen. Seit der Jugendtreff am 25. August seine Tore geöffnet hat, verzeichnete er zwischen 70 und 90 verschiedene Kids pro Treff – insgesamt 900 Besuche über 12 Treffs. Ein gutes Signal. «Das Schönste für mich ist, zu sehen, wie sie wachsen, was sie erleben oder, wenn sie in den Treff kommen und erzählen, was sie gerade beschäftigt, was sie so gemacht haben.» Manches davon habe sie zwar im Studium gelernt, aber sie bringe auch eine natürliche Empathie mit, nicht lediglich gespieltes Interesse. «Ich habe ein aufrichtiges Interesse an Menschen und ihren Geschichten.»

Vielleicht ist es das, was sie als Jugendarbeiterin prädestiniert.