Neuenhof
20.01.2021

Er ist Pöstler fürs Leben - jetzt geht er in Pension

«Ein Bürojob wäre nichts für mich. Ich brauche die Menschen und die Natur», sagt Markus Laube.Rahel Bühler

«Ein Bürojob wäre nichts für mich. Ich brauche die Menschen und die Natur», sagt Markus Laube.Rahel Bühler

Fast 49 Jahre arbeitete Markus Laube aus Neuenhof bei der Post. Zuerst verteilte er Briefe, später Pakete. Seit einem Monat ist er pensioniert.

Von: Rahel Bühler

In den vergangenen fast 50 Jahren begann der Tag von Markus Laube morgens um 4.30 Uhr. Eine Stunde später war er auf der Arbeit. Er ist Pöstler. Seit 1972. Zuerst in Zurzach, dann in Basel, seit 1977 in Neuenhof. Seit knapp einem Monat muss er nicht mehr so früh aufstehen. Der 64-Jährige ist jetzt pensioniert. Ein letztes Mal auf Tour geht er trotzdem. Mit einem silbernen Mercedes, nicht mit dem gelben Lieferwagen der Post.

Laube sitzt im Auto. Das Radio spielt eine Schweizer Popband. Der Scheibenwischer läuft auf Hochtouren. Neuschnee bedeckt die Strassen. Als er nach Neuenhof kam, war er zuerst Briefpöstler, erzählt er während der Autofahrt. Nach 15 Jahren wurde der damalige Paketpöstler pensioniert. Laube übernahm. «Ich wollte schon immer Päckliträger sein.» So habe man mehr Kontakt zu den Leuten. «Ein Bürojob wäre nichts für mich. Dort geht die Zeit nicht um.» Auch ist er gerne draussen in der Natur. Das zeigt sich auch in seinen Hobbys: Biken, Skifahren, Fussball. Zuletzt war Neuenhofs Osten Laubes Zustellungsgebiet: Chrüzliberg-, Hafner-, Feldhofweg.

«Früher hatte man noch Zeit für einen Schwatz, einen Kaffee. Heute nicht mehr.» Er habe sich die Zeit trotzdem genommen. «Ich war dann halt zwei Stunden später fertig als ein junger Kollege. Aber es ist ja meine Zeit.» Laube fährt um den Kreisel beim alten Restaurant Posthorn, nimmt die Ausfahrt Richtung Bahnhof. Am Strassenrand steht ein gelb-grauer Elektrotöff. Der Pöstler ist dick eingepackt. Auch dieses Gebiet belieferte Laube mit Päckli. Mit seiner offenen und freundlichen Art ist er im Dorf gut angekommen. Einmal habe ihm eine Frau gesagt, er habe immer ein Lächeln auf dem Gesicht. «Es stimmt schon. Ich bin meistens fröhlich», sagt er heute. Macht ihn denn gar nichts hässig? «Doch. Vorurteile. Man sollte die Menschen zuerst kennen lernen, bevor man über sie urteilt.»

Zur Pension hat Laube um die 300 Dankesbriefe erhalten

Laube fährt entlang der Glärnischstrasse, biegt auf die Zürcherstrasse ein, dann via Hard- und Limmatstrasse Richtung Industrie. Die Päckli haben zugenommen, sagt er. Vor allem seit Beginn der Coronapandemie. Noch nie habe er so viele ausgeliefert wie im Dezember 2020. Viele davon waren schwer. «Ich hatte nie Probleme damit», sagt der Neuenhofer. «Das habe ich dem Sport zu verdanken.» Er hat 30 Jahre Fussball gespielt. Dann trainierte er Aktivmannschaften in verschiedenen Vereinen. Später wechselte er zu den Junioren. Aktuell trainiert er die D-Junioren des FC Wettingen. «Die Jungen halten mich jung.»

Ambitionen, die Karriereleiter hochzuklettern, etwa Gruppenchef zu werden, habe er nie gehabt. «So hätte ich den Kontakt mit den Kunden verloren.»

Die Route geht weiter, führt an den Sportplätzen vorbei. Dann via Hofmatt-, Zürcher- und Limmatstrasse in den östlichen Teil der Industrie. Laube biegt in die Ringstrasse ein. «Si nähmed scho en Kafi, oder?» Beim Imbiss von Beat Rölli hat er jeweils seine Znünipause verbracht. Hier treffen wir auf Roger Wernli, Laubes Nachfolger. Er muss gleich weiter, ist im Schuss. Rölli serviert Kaffee mit Rahm und Schinkengipfeli. Das Gespräch dreht sich um die neuen Coronamassnahmen, die der Bundesrat am Vortag präsentierte. Zum Schluss sagt er: «Mit Kusi verliert die Post einen Guten. Er ist immer freundlich und hilfsbereit. Das macht ihn aus.»

Rölli ist nicht der Einzige, der das so sieht. Zu Laubes Pension hat er um die 300 Dankesbriefe erhalten. Von Behörden, Privatpersonen, Gewerbetreibenden. Der Neuenhofer Marco Oliver Müller hat ihm gar ein Gedicht gewidmet: «Wer esch gli pensioniert, chas fast ned glaube, es esch euse Pöschtler, de Markus Laube! Am Morge früeh tuet öpper singe, s esch de Markus bim Päckli bringe! Es esch kei Witz, nei es esch wohr, er macht das in Neuenhof sit 48 Johr! Hett immer es Lache ufem Gsicht, sini Person ghört eifach zur Neuenhofer Gschicht! Aber leider goht alles mol verbii, Markus, gell, es muess halt sii. Danke für alles, wo Du hesch gmacht, egal öb Brief oder Päcklischlacht. Mir wünsched Dir nur s Bescht zur Pension, mir werdet Dich vermisse, ich weiss es schon. Markus, mir danked Dir!» Auf dem Rückweg zu seinem Wohnhaus sagt Laube: «Als ich das gelesen habe, kamen mir fast die Tränen.»

 

Auch nach der Pension ist Langeweile kein Thema

Wieso er so gut angekommen ist bei den Leuten? «Sie haben wohl meine freundliche, kommunikative Art gemocht.» Zudem habe er im Sport gelernt, mit Problemen umzugehen.

Seit einem Monat ist er nun pensioniert. Langeweile sei kein Thema. «Ich trainiere viermal pro Woche mit den Junioren.» Zudem habe er vergangene Woche zum ersten Mal im 2021 eine Biketour im Schnee gemacht. Und ansonsten habe er noch zwei erwachsene Töchter, mit denen er Zeit verbringt. Er selbst ist seit 20 Jahren geschieden. «Und ich habe ganz vielen Leuten versprochen, dass ich nach meiner Pension auf einen Kaffee vorbeikomme. Wenn es denn wieder geht.»