Limmattal
08.09.2021

Im Chaos Ordnung schaffen

Der Beschützer des Limmattals: Ronny Wasem

Der Beschützer des Limmattals: Ronny Wasem

Der neue Kommandant der Zivilschutzorganisation (ZSO) Wettingen-Limmattal bringt so schnell nichts aus der Ruhe.

Von: Melanie Bär

Es ist Mittwochnachmittag. Auf dem Parkplatz vor dem Feuerwehrhauptgebäude an der Langäckerstrasse steht nur ein einziger BMW. Die Türe beim Eingang ist abgeschlossen. Die eine Klingel an der Wand ist mit Feuerwehr angeschrieben, auf der anderen steht Zivilschutz. Nach dem Betätigen öffnet Ronny Wasem die Tür. Er führt durch einen kurzen Gang in sein Büro. Der 34-Jährige ist der Nachfolger von Ronald Rickenbacher, der die Zivilschutzorganisation Wettingen-Limmattal zuvor vier Jahre lang geführt hatte. An der Wand hängt eine Flipchart, neben dem Arbeitsplatz steht ein Sitzungstisch mit einer Grünpflanze. Es wirkt hell, freundlich, belebt und dennoch aufgeräumt und strukturiert und macht keineswegs den Eindruck, als wäre der Raum erst vor ein paar Wochen von einer neuen Person bezogen worden. Doch wer mit Ronny Wasem spricht, merkt schnell, dass die Ordnung zu ihm passt. «Es ist meine Stärke, im Chaos Ordnung zu schaffen», sagt er. Vielleicht sucht er sich deshalb immer wieder Aufgaben, wo er diese Stärke einsetzen kann.

In seinem letzten Job spielten schlimme Bilder eine Rolle

Nach seiner Lehre als Bauspengler liess er sich zum Lokführer und zum Zivilschutzkommandanten weiterbilden, ist als Stabschef eines regionalen Führungsorgans und als Offizier in der Feuerwehr tätig und war zuletzt als Offizier beim Lösch- und Rettungszug bei den SBB angestellt. In dieser Funktion rückte er während vier Jahren bei mehr als 40 Unfällen aus, meistens Suizidfälle. Mit seinem Team sicherte er die Unfallstelle, stand den Betroffenen zur Seite und musste die Unfallstelle je nach Lage auch reinigen. Die Bilder, die sich ihm am Unfallort boten, seien oftmals unschön gewesen. Er musste abgetrennte und zerstörte Körperteile einsammeln, Leute, die unter Schock standen, beruhigen. Wasem konnte damit umgehen. «Auch wenn wir uns manchmal mit schwarzem Humor schützten, um Abstand zu bekommen», sagt er und fügt an: «Ich habe mir immer gesagt, wenn ich nach dem Einsatz unter der Dusche stehe und mich nicht von den Bildern lösen kann, dann muss ich den Job wechseln.» Das war allerdings nicht der Grund, weshalb er sich als Kommandant der Zivilschutzorganisation bewarb. Die unregelmässigen Arbeitszeiten hatten ihm zu schaffen gemacht und er wollte sich beruflich weiterentwickeln.

Als Kommandant des Zivilschutzes weiss er zwar auch nie, wann ein Notfall seine Präsenz fordert. Doch ungeplante Ernstfalleinsätze gibt es im Vergleich zu den SBB selten, wo sich fast monatlich Personenunfälle ereigneten. Als oberster Zivilschützer liegt seine Hauptaufgabe darin, die rund 360 Zivilschutzangehörigen zu führen, zu schulen und Material bereitzuhalten, damit sie bei einer Katastrophe Nothilfe leisten können. Die Organisation ist für die Gemeinden Bergdietikon, Killwangen, Neuenhof, Spreitenbach, Wettingen und Würenlos zuständig und somit für die rund 54000 Einwohner dieses Einzugsgebiets. Neben seltenen Notfalleinsätzen leisten die Korpsangehörigen während ihrer Wiederholungskurse auch Hilfseinsätze in Altersheimen, reparieren Waldwege oder erledigen andere Arbeiten fürs Gemeinwohl. «Diese müssen jedoch vom Kanton bewilligt werden und es dürfen keine Arbeiten sein, mit denen wir die Privatwirtschaft konkurrenzieren», so Wasem. Seine Vision: In seiner Amtszeit als Kommandant würde er gerne zusammen mit einem Teil der Zivilschutzangehörigen im Ausland, etwa in Deutschland oder Afrika, einen humanitären Hilfseinsatz leisten. «Mir ist bewusst, dass die Durchführung von vielen nicht beeinflussbaren Faktoren abhängt. Aber es wäre mega und würde das Image der Organisation stärken und die Mannschaft motivieren», sagt Wasem.

Wasem hatte bereits einen ersten Ernstfall zu bewältigen

Motivation sei wichtig, weil die Rekrutierung von Zivilschutzleistenden immer schwieriger werde. Das und die teilweise verstaubte Reputation zu modernisieren, sieht er als seine grösste Herausforderung als Kommandant. Interne Ausbildungen seien im Gegensatz zu jenen im Militär in der Arbeitswelt nicht anerkannt, teilweise aufgrund fehlender Diplomabschlüsse. Vielen Organ isationen stehe auch veraltetes Material zur Verfügung. Das zu ändern, hat er sich zur Aufgabe gemacht und will damit das angefangene Werk seines Vorgängers beenden.

Doch vorerst will er sich noch weiter gut einarbeiten. Noch hat er auch nicht alle 360 Zivilschützerinnen und Zivilschützer kennen gelernt. Einen Ernstfall hatte er hingegen schon zu bewältigen. Als am 9. Juli sämtliche Notrufnummern nicht mehr erreichbar waren, mussten Feuerwehrleute die Notfalltreffpunkte besetzen und wurden von Zivilschützern abgelöst. Wasems Fazit: «Im Grundsatz hat es funktioniert, es besteht aber noch Verbesserungspotenzial, insbesondere, was die Alarmierung des Kantons und die Bekanntheit der Notfalltreffpunkte in der Bevölkerung betrifft.» Persönlich hat ihn der Einsatz nicht aus der Ruhe gebracht, denn schliesslich schafft er gerne Ordnung im Chaos. Doch an diesem Tag ist das nicht nötig. Wasem kann pünktlich Feierabend machen, schliesst die Türe ab, steigt ins Auto und fährt aus dem nun leeren Parkplatz.