Limmattal
28.04.2021

Hexenprozesse als religiöser Wahn der Obrigkeit

Geständnis unter Folter: Mutter und Tochter wurden 1577 in Mellingen misshandelt. So erging es vielen Opfern. (Bild: Zentralbibliothek Zürich)

Geständnis unter Folter: Mutter und Tochter wurden 1577 in Mellingen misshandelt. So erging es vielen Opfern. (Bild: Zentralbibliothek Zürich)

Geständnis unter Folter: Mutter und Tochter wurden 1577 in Mellingen misshandelt. So erging es vielen Opfern. (Bild: Zentralbibliothek Zürich)

Otto Siggs neustes Werk «Hexenverfolgung der alten Eidgenossen in der Grafschaft Baden» dokumentiert die Gerichtsfälle von 59 Frauen, die zwischen 1550 und 1650 der Hexenjagd in der Region zum Opfer fielen.

Von: Sibylle Egloff

«Tod durch das Feuer»: Am 23. November 1585 wurde das Schicksal von Anndli Wild von Wettingen und von Barbel Willi von Rieden vom Landgericht Baden besiegelt.

Die beiden Frauen mussten sterben, weil sie zur damaligen Zeit als Hexen galten, die Gott verleugneten und Beischlaf mit dem Teufel vollzogen. So steht in den transkribierten Gerichtsakten zu Anndli Wild etwa: «Namlich [nämlich], dass ungefahrlich vor sechs Jahren [ungefähr vor sechs Jahren] der bös Geist, der Teufel, ihr Buhl, so sich der hübsche Hensli nenne, zu ihr im Tägerhard [Wettingen] in Vergleichung eines Mannes, blau und gelb gekleidet, gekommen [sei] und sie angesprochen [habe], dass sie sich zu seinem Willen ergeben und Gott verleugnen solle, wolle er ihr dargegen ihr Leben lang genug geben. Auf das [sei] sie seinem bösen Willen gefolgt, da dann er sie beschlafen habe.» Dargestellt ist die Geschichte von Anndli Wild im Januar erschienen Werk «Hexenverfolgung der alten Eidgenossen in der Grafschaft Baden» von Otto Sigg. Der ehemalige Zürcher Staatsarchivar trug insgesamt 59 Fälle namentlich genannter Frauen zusammen, die der Hexenverfolgung zwischen 1550 und 1620 zum Opfer fielen. Einige von ihnen wohnten im heutigen «Limmatwelle»-Gebiet im Aargauer Limmattal.

Die Grundlage für Siggs Dokumentation liefern Strafverfolgungsakten des Landgerichts Baden, die im Staatsarchiv des Kantons Aargau in Aarau aufbewahrt werden. Es ist nicht das erste Mal, dass sich der promovierte Historiker Sigg mit Hexenprozessen auseinandersetzt. Der 77-Jährige veröffentlichte 2012 «Hexenprozesse mit Todesurteil. Justizmorde der Zunftstadt Zürich» und 2019 erschien sein Buch «Hexenmorde Zürichs und auf Zürcher Gebiet».

Er setzt ein Mahnmal für die ermordeten Frauen

Mit seinem Schaffen verfolgt er das Anliegen, «den justitiablen ermordeten Frauen ein möglichst getreues und verständliches schriftliches Mahnmal zu setzen. Opfer eines religiösen Wahnsinns christlicher Prägung.» Wieso ihn die Ungerechtigkeit an diesen Frauen bis heute nicht loslässt, beschreibt Sigg im Gespräch so: «Ihnen wurde die Menschenwürde durch die Folter genommen, ihr Leben wurde zerstört. Ich kann sie mit meinem Buch nicht würdigen, aber zumindest auf die Verbrechen an ihnen aufmerksam machen.»

Den verurteilten Frauen wurde oftmals eine Palette an Vergehen vorgeworfen. In jedem Urteil werden die Personen des Geschlechtsakts und des gemeinsamen Schaffens mit dem Teufel bezichtigt. Damit verbunden ist fast immer die Verleugnung Gottes, wie der Fall von Anndli Wild von Wettingen zeigt. «Das waren die beiden springende Punkte für die Gerichtsherren. Wer diese unter Marter gestand, landete auf dem Scheiterhaufen», erklärt Sigg.

Doch auch die Schädigung von Mensch und Tier wurde den vermeintlichen Hexen vor allem von den Menschen im Dorf zur Last gelegt. So steht in der Auflistung der Vergehen von Anndli Wild: «Zum dritten wäre sie unlängst gen Wettingen in das Kloster in die Küche, als sie einen Ochsen gemetzgt [haben], gekommen und [habe] von dem Koch Ochsenblut begehrt, das er ihr abgeschlagen und keines [habe] geben wollen. Auf das [sei] sie erzürnt geworden und habe den Koch in ihres Buhlen, des bösen Geists, Namen, angeblasen. Da sei dem Koch sein Hals angehend krumm und geschwollen geworden.»

Auch Magdalena Schürhenslin aus Spreitenbach soll ihren Mitmenschen geschadet haben: «Zum andern als sie nachgehend in ihrem Haus Küchlein gebacken [habe], habe ihr der böse Feind, ihr teuflischer Buhl, Samen gegeben wie Räbsamen. Als sie von gemeltem Küchlein Heinrich Bossgeten eines gegeben, darauf angedeuteten Samen gezettelt [habe], welches er gegessen [habe] und darab unbesinnt geworden [sei].», steht im Geständnis und Todesurteil vom 15. Oktober 1615. Sie und ihre Schwester Agnesa wurden zum Tod durch das Feuer verurteilt, aber nachträglich begnadigt und zuerst enthauptet, bevor sie auf dem Scheiterhaufen landeten.

Beschuldigt wurden die Frauen manchmal auch, Wetter zu machen. Das ist im Todesurteil von Margret Röslin von Spreitenbach dokumentiert. «Etwa vor zehn Jahren habe ihr der böse Geist eine Rute gegeben, mit welcher sie drei Mal in den Bach schlagen solle, das sie getan [habe]. Darauf ein schädliches Ungewitter und Hagel erfolgen [erfolgt seien].» Auffällig ist, dass sich die Verurteilten meist in einer schwierigen Lebenssituation befunden haben. Sie waren verwitwet, vom Ehemann verlassen worden oder litten unter Armut. Der Teufel begegnete ihnen oftmals in emotional instabilen Momenten. So etwa im Falle der Spreitenbacherin Margret Röslin. «Vor mehr als zwanzig Jahren, als eine teure Zeit gewesen und sie Mangel gelitten, sei sie in das Holz gegen dem Egelsee gegangen. Da [sei] ihr ein Jüngling begegnet, schwarz bekleidet […] welcher sie angeredet [habe], [sie] solle Jesus und seiner Heiligen verleugnen, seines [des Bösen] Willens pflegen. So wolle er ihr Guts genug geben.»

Hexenprozesse fallen mit Teuerung in Spreitenbach zusammen

Auch wenn die Geständnisse unter brutaler Folter erzwungen wurden, zeigen sie doch ein Abbild der Region und der Bevölkerung zu dieser Zeit. Historisch gesehen, scheint die Notlage der Frauen und die Suche nach einem Sündenbock seitens Gesellschaft mit der Knappheit der landwirtschaftlichen Ressourcen zusammenzuhängen, die in Spreitenbach zu einer extremen Teuerung um 1571 führte. Sigg verweist auf den ehemaligen Lehrer und Spreitenbacher Ortschronisten Karl Zimmermann (1898 bis 1958), der dies in seiner ortsgeschichtlichen Schrift über Spreitenbach von 1930 andeutete. Im späteren 15. Jahrhundert habe sich wegen des Bevölkerungsdrucks der Bestand von Acker- und Weideland sowie Wald zu verknappen begonnen. Ein Antrieb besonderer Art für die Verfolgung von «Hexen» sei die drastische Klimaverschlechterung ab den 1570er-Jahren gewesen, schreibt Sigg.

Dass fast ausschliesslich Frauen vom Hexenwahn betroffen waren, habe mit der Doktrin des monotheistischen Frauenbildes zu tun. Zudem spreche die sexuelle Verklemmtheit der männlichen Obrigkeit deutlich aus den Akten, sagt Sigg. Für ihn sind die Frauen in diesem dunklen Kapitel der Schweizer Geschichte klar die Opfer: «Es waren meist lebenslustige und heilkundige Frauen, die im Dorf als Sündenböcke herhalten mussten und vom irrsinnigen Glauben der Obrigkeit getötet wurden.»

Die Obrigkeiten stellten somit die Täter dar, welche diese Justizmorde veranlassten. Im Falle der Grafschaft Baden waren das der Landvogt, seine Untervögte und die verschiedenen Beamten, die sich im Landvogteischloss zum Landgericht versammelten. Fürs Grobe, also für die Verhöre mit Folter und danach für den Vollzug der Todesurteile, war der Nach- oder der Scharfrichter zuständig. Die Grafschaft Baden richtete die Frauen auf zwei Wahlstätten, eine befand sich in Dättwil, die andere in Ehrendingen. Sigg hofft, dass er mit seinem letzten Werk das Bewusstsein für dieses Unrecht stärken kann. Er findet: «Hexenprozesse dürfen nicht mit dem damaligen Zeitgeist entschuldigt und durch die moderne Wissenschaft relativiert, sondern müssen zu jeder Zeit als Justizmorde angesehen werden.»