Wettingen
07.11.2018

20 Jahre auf der Gemeinde: Er hat sogar schon eine Morddrohung erhalten

Urs Heimgartner <em>verlässt die Gemeinde Wettingen und arbeitet in Zukunft für den Kanton. (Barbara Scherer)</em>

Urs Heimgartner verlässt die Gemeinde Wettingen und arbeitet in Zukunft für den Kanton. (Barbara Scherer)

Urs Heimgartner (55) verlässt die Bau- und Planungsabteilung Wettingen und wird der neue Kantonsbaumeister. Im Interview erklärt er, welche Herausforderungen mit der neuen Stelle auf ihn zukommen und was er an Wettingen vermissen wird.

Barbara Scherer

20 Jahre hat Urs Heimgartner (55) als Leiter der Bau- und Planungsabteilung gearbeitet. Im Dezember verlässt er nun die Gemeinde und beginnt seine neue Stelle als Kantonsbaumeister und Leiter der Abteilung Immobilien Aargau.

Urs Heimgartner, wie wird man eigentlich Kantonsbaumeister? Ganz einfach, man bewirbt sich (lacht). Aber im Ernst, die Stelle wurde ausgeschrieben wie jede andere. Natürlich muss man ein gewisses Profil erfüllen: Fachkompetenz, Führungserfahrung und ein gewisses Mass an politischem Verständnis gehören sicherlich dazu.

Wollten Sie immer schon Kantonsbaumeister werden? Nein, nicht so direkt: Es geht ja nicht um einen Titel. Mein Motto war schon immer, mich weiterzuentwickeln und meinen Rucksack mit neuem Wissen und Erfahrungen zu füllen sowie für den Arbeitgeber einen Mehrwert zu bieten. Dabei ist die Stelle des Kantonsbaumeisters sehr interessant und stellt eine neue Challenge für mich dar, der ich mich stellen möchte.

Was ist denn die Challenge an Ihrer neuen Aufgabe? Für mich besteht die Herausforderung darin, mich nochmals auf etwas zu fokussieren, also auf Liegenschaften des Kantons. In Wettingen arbeite ich bisher in einem sehr breiten Aufgabenfeld. Zudem gibt es nur wenige gemeindeeigene Immobilien. Als Kantonsbaumeister werde ich mit meinem Team die kantonseigenen Immobilien bewirtschaften, weiterentwickeln und sicherstellen, dass die notwendigen Flächen für Erfüllung der öffentlichen Aufgaben, beispielsweise Schulraum, zeitgerecht zur Verfügung stehen.

Wie bereiten Sie sich denn auf diese Aufgaben vor? Ich habe mich bereits vor meiner Bewerbung im Internet informiert, um herauszufinden, ob die Stelle spannende Herausforderungen mit sich bringt und was alles in Zukunft zu bewältigen ist. Ich hatte natürlich auch jetzt schon projektbezogene Berührungspunkte mit einzelnen Personen in dieser Abteilung. Aber auch im Bewerbungsprozess konnte ich Fragen stellen und gute Gespräche mit den Sektionsleitern führen.

Sie kennen Ihren Vorgänger, den Wettinger Fiko-Präsidenten François Chapuis, ja bereits. Haben Sie mit ihm auch schon über Ihre neue Aufgabe geredet? Nein, ganz bewusst nicht. Ich habe mich auch ausserhalb des Bewerbungsprozesses nicht mit Regierungsrat Markus Dieth getroffen: Ich wollte ohne Vitamin B durch den Bewerbungsprozess kommen. Denn es nützt keiner Partei etwas, eine Stelle zu bekommen, nur weil persönliche Kontakte vorhanden sind. Letztendlich zählen für den Erfolg einzig die Anforderungen, die zu erfüllen sind. Auch François Chapuis habe ich erst vor einer Woche getroffen, da er mir gratulieren wollte. Dabei haben wir nicht über den Beruf geredet, sondern über unser Privatleben und unsere allgemeinen Lebenssituationen.

Sie verlassen nun nach 20 Jahren Wettingen, werden Sie Ihr altes Amt nicht vermissen? Ja klar, ich werde vor allem die Mitarbeiter sowie die Gemeinde- und Einwohnerräte vermissen. Die Bau- und Planungsabteilung wurde immer sehr gut unterstützt vom Gemeinderat, hier habe ich schon etwas Wehmut. Aber ich bin überzeugt, das wird in Aarau genau so sein. Manchmal muss man abtreten, wenn es am besten ist. Ich gehe mit einem guten Gefühl.

Was war die grösste Herausforderung für Sie in all den Jahren? Den Spagat zwischen was man gerne möchte und was finanziell möglich ist. Am liebsten hätte ich alles realisiert, was die Leute anregten. Aber das geht halt nicht: Einige wünschen sich ein urbanes Wettingen und andere mehr Grünflächen. Möglichst viele Einwohner zufriedenzustellen, das ist wohl die grösste Herausforderung. Denn mein Anliegen war es, übergeordnete Projekte mit einem guten Gesamtnutzen umzusetzen, denn das schafft ein gutes Umfeld für eine attraktive Gemeinde.

Aber es sind nicht immer alle zufrieden, wurden Sie manchmal auch beschimpft oder sogar bedroht? Das gehört leider dazu. Ich wurde auch beschimpft, aber das waren Vorfälle, die ich an einer Hand abzählen kann. Einmal musste ich mich jedoch an die Kantonspolizei wenden, weil ich eine Morddrohung erhalten habe. Aber die meisten Leute haben Kritik oder Unverständnis immer korrekt angebracht.

Sie leben auch in Wettingen, sind die Leute also auf der Strasse auf Sie zugekommen? Ja, ich wurde oft angesprochen, meistens wollen die Leute wissen, was mit ihrem Baugesuch passiert. Aber ich denke, ich konnte nur hier arbeiten und wohnen, weil ich das auch sehr gerne mache: Ich kann mein Hobby ausüben und werde dafür bezahlt (lacht).

Dafür konnten Sie nie richtig abschalten ... Ja, das stimmt: Ich habe eigentlich auch oft in meiner Freizeit gearbeitet. Aber wenn man die Arbeit gerne macht und damit umgehen kann, ist das kein Problem. Denn der direkte Kontakt mit der Bevölkerung ist auch sehr bereichernd. So ist man nahe an der Bevölkerung und kann gemeinsam Projekte erarbeiten. Ich habe auch sehr viel zurückbekommen.

An was erinnern Sie sich gerne zurück? Ich denke, mein Highlight war die Masterplanung Landstrasse, da haben wir mit der Bevölkerung und dem Kanton etwas erschaffen. Es war sehr aufwendig, aber es hat sich gelohnt: Es gingen nur sechs Einsprachen und keine einzige Beschwerde ein. Ich glaube, mit diesem Projekt haben wir den Nerv der Bevölkerung sehr gut getroffen: Das ist, wie wenn man einen Samen pflanzt und dann wächst die Pflanze, die man erwartet hat (lacht).

Apropos wachsen, wie hat sich das Ortsbild in den letzten 20 Jahren verändert? Heute wird viel dichter gebaut, aber der Freiraum ist wichtiger geworden. Deshalb ist es wichtig, jetzt die Weichen zu stellen, um qualitative Aussenräume schaffen zu können. In Wettingen verfolgen wir auch den Ansatz, erst den Aussenraum zu betrachten und dann zu entscheiden, was gebaut werden kann.

War das früher nicht so? Nein, als ich angefangen habe, hat man nur von Randstein zu Randstein gedacht. Jeder Bereich hat für sich gearbeitet. Inzwischen ist das völlig anders, wir denken von Fassade zu Fassade und arbeiten zusammen. Auch mit den Gemeinden: Vor 20 Jahren hat die Landkarte noch bei der Gemeindegrenze aufgehört, heute kann man sich sehr unkompliziert mit den Verwaltungen der Nachbargemeinden austauschen: Dieser Austausch ist normal geworden.

Konnten Sie als Leiter der Bau- und Planungsabteilung das Ortsbild mitprägen? Ja, ich habe Vorschläge für die Ausgestaltung der Bau- und Nutzungsordnung (BNO) gemacht. In Wettingen kann bei entsprechend hoher Qualität dichter gebaut werden. So wurden die zusätzlichen Bewohner der letzten 20 Jahre alle in den bestehenden Bauzonen untergebracht. Es musste kein Quadratmeter eingezont werden: Dadurch konnten die Grünflächen der Gemeinde erhalten werden, was auch ein Qualitätsmerkmal von Wettingen ist.

Wie würde Wettingen denn aussehen, wenn Sie nicht eingegriffen hätten? Das kann ich nicht so genau sagen. Ich denke, ich habe sicherlich aktiv zur guten Gestaltung im Allgemeinen und zur Begrünung des Strassenraums beigetragen.

Wenn Sie in die Zukunft blicken, wie wird das Dorf in einigen Jahren aussehen? Wettingen wird sicherlich urbaner werden. Aber es wird gleichzeitig auch mehr Freiflächen geben aufgrund des Freiraumkonzeptes. So wird es mehr Spiel- und Erholungsplätze geben. Auch die Erreichbarkeit der Naherholungsräume muss sichergestellt werden. So könnte der Dorfbach bald als grüne Oase durch Wettingen verlaufen. Das hoffe ich auf jeden Fall.

Wird Wettingen auch in die Höhe wachsen? Nein, ich glaube nicht, auf jeden Fall nicht auf kurze Zeit hinaus betrachtet: Die Bevölkerung hat einen grossen Respekt vor Höhe. Ich glaube, nicht wegen der baulichen Höhe, sondern vor der Anonymisierung und der Vereinsamung, die mit solchen Bauten einhergehen können.

Und auf was freuen Sie sich, wenn Sie an Ihre berufliche Zukunft denken? Ich freue mich darauf, meinen Beitrag zu leisten, um eine gute Lebensqualität bieten zu können – trotz beschränkter Ressourcen. Ich hoffe, dass der Aargau gut positioniert werden kann in Zukunft, denn der Kanton Aargau wird oft unterschätzt, dabei hat er sehr viel zu bieten.