Spreitenbach
22.06.2016

«Dezent ist uns zu wenig»

Regina Cotteli in ihrer Stube mit einem frühen Foto ihrer Eltern. Foto: Mü

Regina Cotteli in ihrer Stube mit einem frühen Foto ihrer Eltern. Foto: Mü

Ihr Vater, der Musiker Honorat Cotteli, hatte sich immer gewünscht, dass seine Tochter ihre Bilder einmal im heimatlichen Dorf zeige. Jetzt, zwei Jahre nach seinem Tod, widmet Regina Cotteli ihm die Ausstellung im Gemeindehaus – und bringt seine Kompositionen zur Aufführung.

Michael Mülli

Als junger Violinist kam Honorat Cotteli (1941) in den 60er-Jahren mit seiner zunächst vierköpfigen Familie und einem Dreijahresvertrag in der Tasche aus der Slowakei in die Schweiz zum Stadtorchester St. Gallen. Seine Frau Eva, eine junge Sängerin am Anfang ihrer Karriere, hatte er als Militärmusiker in Bratislava kennen gelernt. «Sie war eine Schönheit und hatte bereits mit 16 eine Karriere als Sängerin und Schauspielerin vor sich», erzählt die zweitgeborene Tochter Regina Cotteli.

Es war nicht geplant, hier zu bleiben. Aber dann kamen die 68er-Ereignisse, die Russen marschierten in der damaligen CSSR ein und die Familie kehrte nicht zurück. Honorat Cotteli spielte nach Ablauf seines St. Galler Engagements an der Zürcher Oper vor, bekam die Stelle als Stimmführer der 2. Geige, bald darauf auch als Violinlehrer am Konservatorium und suchte für die Familie ein neues Heim, das er in Spreitenbach an der Poststrasse 29 fand.

Hier wurden Cottelis (1976 und 1982 kamen zwei Söhne hinzu) schnell bekannt. «Meine Mutter war ein bezaubernder Sommer-vogel», erzählt Regina Cotteli, «meinen Vater kannte man alszuvorkommenden, hilfsbereiten, freundlichen Menschen.» Er sei aber auch bodenständig gewesen. So plauderte er nicht nur häufig mit dem damaligen Schulpflegepräsidenten und Bauern Lienberger im Stall, sondern verbrachte ebenso gern Zeit im Wald. «Er hat lustige Sachen gemacht», zum Beispiel ein Megafon gebastelt, um zur Brunftzeit mit den Hirschen zu röhren und sie auf Tonband aufzunehmen. Er hat Spreitenbach als seine zweite Heimat ins Herz geschlossen. Beide Eltern vermissten aber zeitlebens ihre erste Heimat, was die Nostalgie und eine gewisse Melancholie ins Herz einziehen liess. «Meine Mutter sprach sehr bald schon akzentfrei schweizerdeutsch und arbeitete parallel zu ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau im Verkauf; trotzdem kehrte sie vor einigen Jahren in die Heimat zurück.»

In früher Kindheit sei sie, so Regina Cotteli, ihrem Vater sehr nah gewesen. Zusammen hätten sie viel erlebt – in der Natur, im Wald und während der vielen Besuche in der Oper: «Wir sind sozusagen in der Oper aufgewachsen.»

Es folgten berufliche Wanderjahre ohne klares Ziel: Bücher, Musik, Verkauf – bis sie beim Schweizer Fernsehen die Ausbildung zur Cutterin machte. Hier traf sie auf bekanntes Material aus der Oper: Bilder und Emotionen.

Kurz bevor sie 30 wurde, packte sie die Chance, als Quereinsteigerin die Lehrerausbildung zu machen, und schloss 1995 an der HPL ab. Sie unterrichtete an der Realschule in Würenlingen, fand vier Jahre später eine neue Herausforderung als Lektorin beim Sauerländerverlag und machte schliesslich noch ein Masterstudium als Theaterpädagogin. Seit vielen Jahren wohnt und unterrichtet sie, mittlerweile Mutter einer 15-jährigen Tochter, in Wettingen.

Mit 20 wollte Regina Cotteli Schriftstellerin werden, kaufte eine Schreibmaschine und legte los. Bestürzt darüber, dass «es nicht floss», begann sie zu malen: «Ich habe schnell gemerkt, dass ich das grosse Format suche.» Sie stiess auf Urs Hartmanns Malatelier in der alten Kleiderfabrik Baden. Dort lernte sie das Malen mit der Hand kennen. «Ich weiss im Voraus nie, was kommt.» Sie beginne «aus dem Fleck» und irgendwann sei das Papier voll: «Das ist magisch.» Ihre Kunst ist konkret, eine Mischung aus Emotionen, Farben und Struktur. Sie bezeichnet ihre Gouache-Bilder als «Originalposter».

«Die Impressionisten gefallen mir, wie sie auch meinem Vater gefielen», sagt Regina Cotteli. Die Textur seiner Stücke sei der impressionistischen Malerei ähnlich, sie lebe auch von Farbklängen. Sie sei nicht atonal, sondern bleibe im Konkreten: «In seiner Musik werden Geschichten erzählt.» Immer wieder holte er sich auch Inspiration im slowakischen Volksliedgut. Und beide lieben sie eine Prise Kitsch. Sie lacht: «Dezent ist uns zu wenig.»

In der Musik des Vaters und in ihren Bildern herrsche eine ähnliche Stimmung: Nostalgia im Sinne einer Empfindung zwischen Traum und Wirklichkeit. Deshalb ist es passend, dass Regina Cotteli als Auftakt zu ihrer Vernissage ein Konzert mit Werken ihres Vaters konzipiert hat. In der Ad-hoc-Formation spielen namhafte Orchesterfreunde, geleitet von Slobodan Mirkovic. Er war mit Honorat so gut befreundet, dass sie sich bei ihren Spitznamen nannten: Cotteli war «Beto» (sprich: Betjo), Lausbube, der Jüngere war «Slobi».

«Slobi» wurde für Regina Cotteli beim Organisieren des Konzertes zum väterlichen und hilfreichen Berater und Freund, der seine wertvollen Kontakte spielen lassen konnte. Am Konzert mitspielen wird auch der talentierte 15-jährige Spreitenbacher Geiger Silvan Dezini. Silvan und Honorat Cotteli hatten sich kurz vor dessen Tod per Zufall kennen gelernt. Sie wohnten an der gleichen Strasse und begegneten sich, als Silvan mit drei Geigenkästen unterwegs war. Cotteli fragte in seinem schalkhaften slowakischen Akzent, was er denn mit all den Geigen anstellen wolle. Silvan: «Ich suche die Richtige für mich.»

Natürlich liess es sich Cotteli nicht nehmen, die Geigen auf der gemeinsamen Busfahrt selber unter die Lupe zu nehmen.