Neuenhof
08.11.2017

Von Bomben und Staubsaugern: Zeitzeugin erzählt aus ihrem Leben

Josefine Buri kümmert sich bis heute alleine um den Haushalt – problemlos. Barbara Scherer

Josefine Buri kümmert sich bis heute alleine um den Haushalt – problemlos. Barbara Scherer

Josefine Buri wird 95 Jahre alt und hat erlebt, wie sich die Welt verändert hat: Altersmüde ist sie aber noch lange nicht.

Barbara Scherer

Teppiche und Stickereien zieren die weissen Wände. Die Wohnung ist hell und aufgeräumt. Auf dem Holztisch steht eine Vase voller gelber Krokusse. Es ist die Wohnung von Josefine Buri. Seit 1953 lebt die gebürtige Luzernerin hier. Im Haus gibt es keinen Lift. Jeden Tag steigt Buri deshalb fast 40 Treppenstufen hinauf. Und das mehrmals täglich. «Man gewöhnt sich daran. Zudem hält es fit.» Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Josefine Buri wird am 23. November 95 Jahre alt und ist kein bisschen altersmüde.

Den Haushalt schmeisst die Seniorin bis heute alleine. Nur die Einzahlungen macht sie nicht mehr selber, dabei hilft ihr ein guter Freund. Denn mit den Augen habe sie Probleme. «Ich kann leider keine Zeitschriften und Zeitungen mehr lesen. Aber was will man machen.» Jammern bringe nichts. Sie faltet die Hände vor sich auf dem Tisch und ihr Blick schweift in die Ferne. Trotz der Sehschwäche hat die Senio-rin einen aufgeweckten Blick. Schnell wird klar, Buri ist optimistisch eingestellt: Sie sei zufrieden.

Aufgewachsen ist Buri als Jüngstes von vier Kindern in Hochdorf, Luzern. Nach der Schule machte sie eine Haushaltslehre. Doch dann kam der Krieg: Es herrschte ein Mangel an Arbeitskräften in der Schweiz. Alle Männer wurden ins Militär eingezogen und mussten an der Grenze Wache stehen. Deshalb verschlug es Buri mit knapp neunzehn Jahren in die schweizerische Milchgesellschaft. Dort füllte sie jeden Tag Milch ab. Vom Krieg habe sie aber nicht viel miterlebt. Buri streicht sich das kurze graue Haar zurecht: «Wir haben keine Bomben gehört. Nur das Lichterlöschen hat uns an den Krieg erinnert.» Um 22 Uhr wurde es im Dorf dunkel: Weder Strassen- noch Häuserlampen durften brennen. Buri zuckt mit den Schultern: «Das war halt so.»

Während der Kriegszeit lernte sie ihren Mann kennen. An einem Tanznachmittag trafen sich die beiden: Sie tanzte, er machte Musik. «Dann hat es bei uns geklickt», sagt Buri und schmunzelt. Ein Jahr später heirateten sie. Weil ihr Mann in der BBC in Baden arbeitete, verschlug es das junge Ehepaar nach Neuenhof. In den kommenden Jahren bekam Buri einen Sohn und eine Tochter und wurde Hausfrau. Heute ist die Seniorin Grossmutter, Urenkel habe sie aber noch keine.

1994 starb Buris Mann. Seither lebt sie alleine in der Wohnung. Einsam ist die 94-Jährige aber nicht. «Ich treffe mich immer mit Freundinnen zum Einkaufen oder wir gehen zusammen essen.»

Bis vor ein paar Jahren nahm die Rentnerin auch aktiv am Altersturnen teil und ging walken. «Mir wurde das Tempo zu schnell, also habe ich schliesslich aufgehört.» Obwohl sich die Welt um sie herum völlig verändert hat, fühlt sich Buri nicht verloren. «Man lebt mit der Zeit und gewöhnt sich daran.» So war Neuenhof noch ein kleines Bauerndorf, als sie herzog. Jetzt führt vor ihrem Haus eine dicht befahrene Strasse durch. «Dafür gibt es heute Waschmaschinen und Staubsauger, diese Geräte haben das Leben viel einfach gemacht.» Sie habe noch Kleider auf dem Waschbrett gereinigt und den Boden von Hand gebohnert.

Buri verwirft die Hände und lächelt: «Und manche beschweren sich, es sei so anstrengend. Dabei ist doch alles viel einfacher heute.» Trotzdem hätte sie es nicht anders gewollt: Die Seniorin ist zufrieden mit ihrem Leben.